Neuste Ausgabe

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Kategorie(n): Lebensart

Dieser Romantitel kam mir spontan in den Sinn, als ich vom September-Thema ‚Mode‘ erfuhr. Doch so spannend Simmels Politthriller auch ist, mit ‚Schöner Wohnen‘ hat er nicht viel gemeinsam. Außerdem überschlugen sich meine Gedanken inzwischen zu seidig schimmernden Stoffen, traumhaften Textilien, neuen Materialien und natürlich der Frage nach den aktuellsten Trends. Träume und Textilien gehören in Mönchengladbach seit eh und je untrennbar zusammen. Da gab es auf der einen Seite die innovativen Ideen und Visionen der Gladbacher Industriellen, die unserer Stadt den Beinamen ‚Rheinisches Manchester‘ einbrachten und erfolgsgekrönt Textilbarone genannt wurden. Auf der anderen Seite erfüllte sich durch die neu entstandenen Arbeitsplätze Anfang 1900 für viele Familien der Traum von einem besseren Leben.

Ich habe ein altes Salon-Foto eines Mönchengladbacher Industriellen vor Augen. Auf dem Boden lag ein orientalischer Teppich, asiatisch anmutende Bilder hingen an der Wand und viele Accessoires aus fernen Ländern schmückten den Raum. Dieser Mann war in der Welt herumgekommen und so fanden fremde Ein-drücke und schöne Erinnerungen den Weg in sein Zuhause. Dem ein oder anderen Gast hat diese Einrichtung sicher gefallen und man kann sich vorstellen, dass sie als Anregung bei der nächsten Renovierung aufgegriffen wurde. Momentan beobachtet die Branche sehr klare Trends. So gibt es eine Entwicklung vom Lifestyle zum Healthstyle. Das heißt: Gesundheit ist ein wichtiges Thema und dafür stehen hochwertige und nachhaltig produzierte Waren. Wirtschaftskrise und Naturkatastrophen auf der einen  Seite, Überangebot und Informationsüberschuss auf der anderen Seite  beeinflussen unser Kaufverhalten. Wir werden unseren Lebensstil überdenken und Prioritäten setzen. Sinnhaftigkeit, Qualität, Einfachheit, Langlebigkeit und Nachhaltigkeit nehmen an Bedeutung zu. Saisonale, kurzlebige Trends sind rückläufig.

Auch gibt es eine Rückbesinnung auf Althergebrachtes, auf Traditionelles. Dafür stehen Materialien wie zum Beispiel Leinen und Filz in sehr hochwertiger Verarbeitung. Schlichte, ehrliche Verarbeitung vermittelt ein Gefühl von Wohlbehagen. Eine bekannte Computerfirma hat diesen Trend bereits umgesetzt und bietet für ihre Notebooks edle Filztaschen mit einer rustikalen Lederschließe an. Auch die gute alte Leinentischwäsche wird wieder eingedeckt. Ungleichmäßige Webstrukturen sind nunmehr keine Fehler, sondern stehen für individuelle Prägung. Ehrliches Handwerk ist gefragt, das spiegelte der Kunsthandwerkermarkt ‚Greta‘ wider, der kürzlich in Eicken stattfand. Dies deckt sich mit dem wachsenden Wunsch der Verbraucher, mehr über Herstellung und Hersteller zu erfahren. Es gibt ein neues Interesse an alten Handwerkskünsten. Dazu fallen mir unter anderem Filzen und Weidenflechten ein.

Die Kombination alt und neu wird weiter im Fokus stehen. Omas Monogramm besticktes Leinenküchentuch hängt perfekt neben der modernen Küchenmaschine. Und der Weidenkorb, in dem Zeitschriften abgelegt werden, lässt ein Büro wohnlicher erscheinen. Schreibtischplatten sind meist weiß oder grau – Unterlagen aus farbigem Filz oder Kork vermitteln Atmosphäre. Viele aktuelle Stoffe und Muster erinnern an die 50er Jahre. Parallel darf auch kräftig gemixt werden. Kürzlich konnte ich mich auf einer Messe für einen ‚alten Orientteppich‘ begeistern, der quietschgrün und jung vor mir lag. Einen bestimmten Farbtrend gibt es nicht. Mit Farbe treffen Sie immer eine Aussage. Aktuell ist sie frisch, mutig und großflächig, wie schon das Beinkleid einiger mutiger Herren diesen Sommer bewies. Experimentieren ist erlaubt – alles geht, außer langweilig.

 

Ihre
Katrin Hoppen
kh@urbano-magazin.de