Neuste Ausgabe

Ohne Moos nix los – oder ab ins Beet!

Kategorie(n): Kolumne

Nachdem meine Aufmerksamkeit zuletzt dem frühsommerlichen Treiben an einer Autowaschanlage galt, möchte ich Sie nun gedanklich in ein weiteres frühlingshaftes Thema entführen. Auch dieses ist bis in den späten Sommer mit wechselnden Inhalten ein Garant für amüsante Beobachtungen: der Ausflug zum Gartenbaumarkt oder Pflanzencenter.

Unsere Stadt bietet in dieser Hinsicht ausreichendes Potenzial aller Gattungen und wem das nicht reicht,  findet beim niederländischen Nachbarn zusätzliche Anlaufstationen, bei denen man in der Saison auch noch frischen Spargel und Erdbeeren erwerben kann.

Zunächst fällt bei den meist paarweise auftretenden Kunden der Bekleidungsstil auf. Mit einem hochgebirgstauglichen Outdoor-Outfit, das den Ansprüchen einer Watzmann-Besteigung gerecht würde, klammern sich die Wochenend- und Freizeitgärtner an den Einkaufswagen und ziehen ihre Bahnen durch den etikettierten Mitnahmedschungel. Auch die knöchelhohen Schnürschuhe signalisieren die zielstrebige Absicht des kaufwilligen und entschlossenen Hobbygärtners.

Eine ausgeklügelte Wegführung – sie erinnert mich an ein schwedisches Möbelhaus – leitet an geschickt drapierten Blumenarrangements vorbei, die Mutters Herz sogleich in Besitz nehmen und im Nu ein Drittel des Einkaufswagens ausmachen. Keine Rubrik der Gartenkultur bleibt so im Verborgenen: Auch, wer nur eine Primel für den Balkon sucht, wird nach dem überwältigenden Pflanzensortiment durch die bunte Welt der Gießkannen geleitet. Anschließend folgt man den Pfeilen durch die Abteilung mit den Hollywood- Schaukeln bis zur Innenraumbegrünung.

Selbstverständlich passiert man dabei auch das Café, bei dessen Gestaltung der Innenarchitekt wohl genau darauf geachtet hat, dem Angebot des Marktes alle Ehre zu machen.

Die Lenkung der Besucherströme könnte meines Erachtens durchaus Thema einer Bachelorarbeit im Studiengang ‚Gartenbau‘ sein. Psychologisch sehr wertvoll. Denn so werden mit Lavendelbüschen bepflanzte Holzkästchen aus grob zusammengezimmerten Schalbrettern im Vintagelook zum Preis eines Bierkastens im Minutentakt an den Mann und noch eher an die Frau gebracht.

Doch auch der Mann schlägt wenige Gänge später zu: In der Outdoor Grillabteilung stehen die fahrbaren Edelküchen aufgereiht wie polierte Sportwagen im Auto-Showroom. Ein selbst ernannter Sternekoch mit Piratenkopftuch und Kinnbärtchen reicht dort Leckerbissen mit Röstaromen auf ansprechenden Bambuspickern.

Mein Haus, mein Boot, mein Pferd – es muss doch einen Grill geben, der eine Handbreit größer ist als der meines Nachbarn? Und ob es den gibt! Auch wenn man die Option zur Zubereitung eines ¾ Ochsen nur selten in Anspruch nimmt – Hauptsache mein Grill kann´s. Man fährt ja schließlich auch einen SUV, der 50 Zentimeter Wattiefe und 87 Prozent Steigung meistern kann.

In der Kassenzone  findet Mutti noch ein apartes Kressetöpfchen fürs Gäste-WC, während das männliche Familienoberhaupt die Tragfähigkeit des Schwerlasteinkaufswagens mit Rindenmulchsäcken ausreizt.

Mir fehlt am Ende leider die Zeit, den Leuten länger beim Verladen der grünen Hölle zuzusehen. Meine Frau hat nämlich beim Verlassen des Centers neue Sitzauflagen für die Gartenmöbel entdeckt … Außerdem bin ich ganz verwirrt: Könnte es tatsächlich sein, dass ich mich selbst im Spiegel beobachtet habe?

Ihr Gregor Kelzenberg