Neuste Ausgabe

Des einen Leid, des anderen Freud‘

Kategorie(n): Kolumne

Zu den Zeiten, als nicht allabendlich irgendwelche Comedy-Shows im Fernsehen ausgestrahlt wurden, hatten Sendungen mit lustigem Background zumindest in meiner Altersstufe – ich bin Jahrgang ´63 – einen besonderen Stellenwert. Wir verschwanden vorzeitig aus dem Turnverein mit fadenscheinigen Argumenten wie Bauchweh oder Gliederschmerzen (!), wenn am Dienstagabend Klimbim, die Otto Show oder Louis de Funès ausgestrahlt wurde. Der Schweizer Emil, Sketchup und natürlich Loriot setzten Maßstäbe in puncto Unterhaltung und wurden auf Schulfeten oder Klassenfahrten in Kleinkunst-Manier nachgespielt.

Die heutigen Nachfolge-Generationen in diesem Genre haben definitiv diesen alten Glanz verloren. Abgesehen von wenigen Ausnahmen sind die Vertreter der aktuellen Comedy-Sparte meist Laiendarsteller, die doch eher kurzlebige Unterhaltung zu bieten haben, gerne auch auf Kosten anderer. Die Ente von Herrn Dr. Klöbner in der Wanne von Herrn Müller-Lüdenscheidt ist hingegen für mich schon Weltkulturerbe.

Minderwertige Handyvideos oder aneinandergereihte Fotos von schlechter Qualität reichen heute schon, um damit eine Vorabendsendung auszustatten. Binnen kürzester Zeit vermehren sich teils geschmacklose Filmchen via Facebook, Twitter und Co. Warum gibt es bei ‚Pleiten, Pech und Pannen‘ so viele Hochzeitsvideos mit stolpernden Bräuten, zweijährigen Knirpsen, die mit dem Bobbycar gegen ein Garagentor donnern oder Omas, die im Sonntagskostüm ein Ruderboot besteigen und gleichzeitig wieder auf der anderen Seite aussteigen? Ganz einfach: Heutzutage verfügt doch fast jedes Handy über eine Kamera, die man in vermeintlich witzigen Situationen zückt. Infolgedessen steigt auch die Zahl der Veröffentlichungen wirklich schlechter Gags auf YouTube.

Geben Sie doch mal spaßeshalber ‚peinliche Stürze‘ in einem Videoportal ein und schauen auf die Zahl der Treffer. Über 1.500 Streifen erscheinen vor Ihnen auf dem Bildschirm. Waghalsige Skateboarder, die sich beim Sprung übers Geländer die Zähne ausschlagen oder betrunkene Halbstarke, die vom Hotelbalkon in der zweiten Etage versuchen, in den Pool zu springen und dabei auf dem Beckenrand landen,  finde ich persönlich nicht zum Lachen. Im Gegenteil: Leider spornt das andere an, noch dämlicheres Zeug zu veranstalten.

Manchmal glaube ich wirklich, die Gesellschaft scheint durchtränkt zu sein von Schadenfreude. Die jüngsten Hochwasser-Reportagen über aufdringliche Gaffer, die sogar Rettungsdienste bei ihrer Arbeit behindern, zeugen von diesem ‚Volkssport‘. Ich frage mich, warum sich Reporter in Sondersendungen mit Anglerhose und Regenschirm bis zur Hüfte im Hochwasser vor der Kamera positionierten. Ich bezweifle, dass solche Aktionen den Zuschauern auf der Couch daheim bei Salzletten und einem kalten Bier vermitteln, wie schwer es die Menschen an der Donau trifft.

Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hat schon im 18. Jahrhundert den Satz geprägt: „Der schlechteste Zug in der menschlichen Natur bleibt aber die Schadenfreude, weil sie der Grausamkeit enge verwandt ist“. Heute, über 200 Jahre später, haben viele Fernsehsender erkannt, dass man mit dem Pech der anderen gutes Geld verdienen kann. Ein Entwicklungspsychologe der Neuzeit formuliert sogar noch schärfer: „Das Unglück anderer kann uns genauso erfreuen, wie ein Geschenk“. Ich meine, wir sollten lieber helfen, als uns am Schicksal anderer zu erfreuen.

Ihr Gregor Kelzenberg

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