Neuste Ausgabe

Bussi Bussi

Kategorie(n): Kolumne

Man hat mir in der Jugend beigebracht, dass man bei einer förmlichen Begrüßung der jeweiligen Person die Hand reicht, ihr in die Augen schaut und dabei einen leichten Diener in Form eines Kopfnickens andeutet.
Davon ist heutzutage wenig übrig geblieben. Ob förmlich hin oder her, es wird geküsst, geschmatzt, gedrückt und sich umarmt auf Teufel-komm-raus. Natürlich nur, wenn Frauen dabei sind. Unter Männern reicht meist ein lässiges: „Hey – was geht, Alter?“, oder ein kurzes Abklatschen. Wobei … die jüngeren Semester haben dieses amerikanische ‚Give-me-five-Ritual‘ inzwischen auch schon zur halsbrecherischen Fingerakrobatik ausgearbeitet –
mit linksdrehenden Armrotationen und mehreren Faustberührungen.

Wenn sich vier Pärchen um 20 Uhr zum Kino verabredet haben, sollten sie sich schon eine halbe Stunde vorher treffen, damit alle Begrüßungs-Bussis bis zum Filmbeginn ausgetauscht sind.
Laut Wikipedia ist ein Kuss ein oraler (von lateinisch os, oris ‚Mund‘) Körperkontakt mit einer Person oder einem Gegenstand. Es gibt sogar eine Wissenschaft, die sich damit beschäftigt: die Philematologie.
Mir persönlich geht dieses Gedrücke jedenfalls ziemlich auf die Nerven. Wenn ich jemanden gern und länger nicht gesehen habe, kann ich ihn ja von mir aus umarmen oder auch ein Küsschen geben. Aber muss ich meinen Nachbarn, wenn ich ihn beim Einkaufen vor der Fleischtheke treffe, bespringen, bloß weil es gerade ‚en vogue‘ ist? Angeblich haben wir es ja den Franzosen abgeschaut, die die angedeutete Umarmung mit beidseitigem Kuss – ebenfalls nur angedeutet – ‚Akkolade‘ nennen. Das Andeuten deshalb, da man den Damen sonst das Make-up verwischen würde … Mir haften jedenfalls in den seltensten Fällen Rouge-Reste an – dafür mindestens zweimal im Jahr eine ordentliche Erkältung mit allen Begleiterscheinungen.

Man muss ja nicht unbedingt wie ein Japaner auf Weltreise nur mit Mundschutz und weißen Handschuhen das Haus verlassen – aber wenn in meiner Nähe jemand niest, packt mich sofort das Verlangen nach Sälbchen, Pillen oder Tröpfchen, um mich vor einer drohenden Ansteckung zu schützen. Meist jedoch zu spät … Und dann? Markenmedikamente hat meine Frau unter Garantie den Kindern oder meinem sauberen Schwager mitgegeben und mein geliebtes Wick MediNait wird mir seit Jahren ausgeredet. „Trink lieber ’nen heißen Tee mit Zitrone!“ Danke, da bleibe ich lieber gesund.

Aber es geht noch schlimmer: Bei den Eskimos reibt man zur Begrüßung die Nasen aneinander – kaum denkbar, wie viele Tage ich außer Gefecht wäre.

Also nehmen Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich mich beim nächsten Wiedersehen nicht wie ein Welpe vor Freude auf den Rücken werfe. Ich kuriere gerade wahrscheinlich den letzten grippalen Infekt aus und möchte einfach nicht gekrault werden …

Bitte bleiben Sie gesund – auch im nächsten Jahr!

Ihr Gregor Kelzenberg