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Dichter und Denker?

Kategorie(n): Kolumne

Im 18. Jahrhundert hatte Deutschland einst den rühmlichen Ruf als Volk der Dichter und Denker. Dies war gewiss den Kollegen Goethe, Schiller, Lessing und vielen anderen zuzuschreiben, die mit scharfem Geist und spitzer Feder ein gewaltiges kulturelles Erbe hinterlassen haben.

Unser qualmender Altkanzler Helmut Schmidt hat in seiner Autobiographie ‚Außer Dienst‘ dieses geflügelte Wort umformuliert in ein ‚Volk der Dichter und Kritiker‘. Darin sehe ich eine unverkenn- und unaufhaltbare Entwicklung, betrachtet man derzeit die Medienlandschaft, den Büchermarkt und das allseitige Interesse am sogenannten Enthüllungsjournalismus. Aus dem ehemaligen Denken ist ein Recherchieren, Kommentieren, Ermitteln, Bewerten – und somit Kritisieren geworden.

Ich erinnere mich noch an die Anfänge dieser Tendenzen, als ein hemdsärmeliger Stephan Aust bei Spiegel TV nach 22.00 Uhr illegalen Walfängern, gesetzeswidrigen Welpenzüchtern und italienischen Vogelfängern auf der Spur war. Das Fernsehen und der Büchermarkt sind voll von Inhalten, in denen unbarmherzig aufgedeckt, enthüllt und bloßgestellt wird. Es wird mehr mit versteckter statt mit ‚offener‘ Kamera dokumentiert. Nahezu täglich wird ein neuer Skandal heraufbeschworen. War es gestern noch die Pangasius-Lüge, ist es heute die nächste Enthüllungsstory beim ADAC und morgen ein Bericht aus dem Müllcontainer bei Burger King.

Ein Vorstandsvorsitzender muss doch schon Angst haben, bei einer Sitzung zwei Stücke Zucker statt einem in den Kaffee zu rühren. Schlagzeile am nächsten Tag: „Völlerei auf Kosten der Anleger!“ Um dem Ganzen einen unterhaltsam kriminellen Touch zu verleihen, werden Gesichter verpixelt und Stimmen unkenntlich im Mickey-Maus-Ton überarbeitet. Täglich ist jemand undercover unterwegs, um bei Air Berlin die Butterbrote zu wiegen oder die Sekunden zu stoppen, wie lange er im Arbeitsamt auf den Aufzug warten musste.

Ich glaube, in der Kölner Fußgängerzone ist jeder Zehnte ein verkleideter Journalist, der im Auftrag eines Privatsenders mit angeklebtem Bart, verfilztem Haarteil und geliehenem Rollstuhl eine Statistik über die ‚Spendenbereitschaft an Wochentagen gegenüber Nichtsesshaften‘ erarbeitet. Nichts gegen Aufklärung und die Wahrheit. Natürlich möchte ich wissen, ob mein Hähnchen nach Medikamenten schmeckt oder mein Mineralwasser aus  einem Kanal abgefüllt wurde. Aber recherchiert man sich nicht um Kopf und Kragen? Geht es nur noch um ‚Reality-TV‘?
Neulich war ich in einem Reisebüro und habe mich unverbindlich nach einer Region auf den Kanaren erkundigt. Der Verkäufer schoss sofort los mit Bewertungen und Rankings, statt Inhalte zu vermitteln! „… den Rest können Sie sich bei Holidaycheck oder Tripadvisor anschauen …“ Es werden Sterne, Palmen oder Punkte verliehen und um die Gunst der Juroren gebuhlt.

Ich bin immer froh, mir ein eigenes Urteil leisten zu können. Wenn mir ein Wein nicht schmeckt, trinke ich beim nächsten Mal einen anderen, ohne den Winzer verklagen zu wollen. Und wer bei Burger King mit der Schieblehre den Durchmesser von Ein-Euro-Hamburgern überprüft, sollte sich dann besser für den Double-Whopper für 4,89 Euro entscheiden. Immer daran denken: You get, what you pay for.

Ihr Gregor Kelzenberg