Neuste Ausgabe

Bier, Blasmusik und Brathendl

Kategorie(n): Lebensart

Das Oktoberfest ist das größte Volksfest der Welt und besitzt eigene Regeln. Der Urbano-Ratgeber.

Wie fing alles an?
Wir schreiben das Jahr 1810. Die Hochzeit von Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen soll, so die Idee eines bürgerlichen Unteroffiziers, am
17. Oktober 1810 mit einem großen Pferderennen gefeiert werden – und zwar auf der Theresienwiese. Das Rennen ist ein Erfolg, hinterher sind sich alle einig, dass dieses Fest weiterhin stattfinden soll. Unter der Leitung der Stadt München kommen in den Folgejahren immer mehr Buden und Karussells hinzu. Durch Bier, Blasmusik und Brathendl bekommt die Veranstaltung noch im 19. Jahrhundert klassischen Volksfestcharakter. Heute ist das Oktoberfest das größte Volksfest der Welt und zieht jährlich ungefähr sechs Millionen Besucher an, die insgesamt rund sieben Millionen Maß Bier trinken.

Was hört man?
Partyerfahrene Menschen werden mit dem üblichen Repertoire an Stimmungshits à la ’99 Luftballons‘, ‚Country Roads‘ oder ‚An Tagen wie diesen‘ weit kommen. Das Oktoberfest ist allerdings eine spezielle Veranstaltung mit einigen Liedern, bei denen urplötzlich alle Menschen aufspringen und mitsingen. Deswegen: Unbedingt vorher die Texte der Wies’n-Klassiker ‚Skandal im Sperrbezirk‘ und vor allem ‚Fürstenfeld‘ von der Band STS lernen. Natürlich ist auch Andreas Gabaliers Schlager ‚I sing a Liad für di‘ Pflicht. Der Wies’n-Hit des Jahres wird sich wie immer noch herauskristallisieren. Klar aber scheint, dass an Helene Fischers ‚Atemlos‘ kein Weg vorbei führen wird, außerdem hat eine Münchner Band bereits den WM-Hit ‚So gehen die Gauchos‘ als kommende große Nummer angekündigt.

Wie tanzt man?
Spätestens dann, wenn die Kapelle zum fünften Mal ‚Ein Prosit der Gemütlichkeit‘ spielt, alle mitsingen und die Krüge aneinander scheppern, stehen die ersten Gäste auf den Bierbänken. Das ist auch erlaubt, gerne gesehen und gehört dazu. Genau wie das Tanzen und Schunkeln auf den Bänken stehend. Der Tisch allerdings gilt als Tabuzone und ist für Speis und Trank reserviert.

Was trinkt man?
Was für eine Frage! Natürlich Bier, idealerweise aus Ein-Liter-Krügen. Zumindest eine Maß sollte jeder (erwachsene) Oktoberfestbesucher getrunken haben – wem das zu viel ist, der kann ja auch ein Radler bestellen. Aber Achtung: Wer bei der Bedienung glänzen will, bestellt keine „Maas“, sondern eine „Mass“ – ein kleiner, aber bedeutender phonetischer Unterschied. Wie viel Maß Bier jeder verträgt, muss er natürlich selbst verantworten. Da der Niederrheiner allerdings kleine Biergläser gewohnt ist, sollte er nie das Bewusstsein dafür verlieren, dass drei Bier auf dem Oktoberfest schon eine stramme Marke sind …

Wie viele Maß schafft man?

Das kann und muss jeder Gast für sich selbst entscheiden. Wie viele Krüge die Bedienungen schaffen, und zwar auf einmal, ist schnell beantwortet: Bis zu zehn Krüge schleppen die Heldinnen des Festzelts gleichzeitig und haben dabei oft sogar noch ein Lächeln auf den Lippen. 15 Krüge soll es auch schon gegeben haben, der Rekord liegt bei 23 gefüllten Krügen, die leer schon ein Gewicht von 1,2 Kilogramm haben. Da versteht es sich von selbst, dass die Schlepperei mit einem Trinkgeld honoriert wird und man freundlich mit den Kellnern umgeht – zumal man nicht in die Hand beißen sollte, die einen füttert. Denn bei allzu knauserigen Gästen gerät die Bierversorgung gerne ‚zufällig‘ ins Stocken.

Was isst man?
Natürlich ist es wichtig, dem Kater des Folgetages durch regelmäßige Nahrungsaufnahme vorzubeugen. Die Brezn, also eine (im Idealfall) frisch gebackene und noch lauwarme Laugenbrezel, passt perfekt zum Bier und gehört einfach dazu. Als echte Grundlage zum Alkoholgenuss stehen die etwas fettigeren Speisen parat: Natürlich die Weißwurst, die schon gerne morgens oder mittags gezuzelt und mit süßem Senf genossen wird. Oder das Fleischpflanzerl, das nichts anderes als eine Frikadelle ist. Beim Oktoberfest allerdings hat sich das Hendl durchgesetzt, rund die Hälfte der verkauften Speisen ist das krosse, leicht fettige Brathähnchen. Zusammengefasst: Vegetarier haben kulinarisch auf dem Oktoberfest nicht viel zu lachen, es sei denn, sie geben sich mit dem Radi, den dünn geschnittenen und gesalzenen Rettichscheiben, zufrieden.

Was trägt man?
Natürlich Dirndl oder Lederhose. Wer so etwas nicht im Kleiderschrank hat, sollte es sich besorgen. „Eine Anschaffung fürs Leben“, nennen es die Bayern, und in der Tat: Ohne Trachtenkleid oder Krachlederne gehört man irgendwie nicht dazu. Die Männer tragen die Hose am besten nicht länger als ein paar Fingerbreit über dem Knie, das Dirndl sollte allerdings das Knie bedecken. Ein schönes Dekolleté ist natürlich das Herzstück eines jeden Dirndls, allerdings sollte es nicht übertrieben und ein BH nicht sichtbar sein. Diese Trachten sind natürlich nicht ganz preiswert und vielleicht auch nicht jedermanns Sache. Aber Achtung: Niemals (!) im Sepplhut oder gar Filz-Maßkrug auf dem Kopf erscheinen, das ist bei einem zünftigen Oktoberfest für echte Bayern genauso tabu wie nackte Oberkörper.

Wie war das mit den Schleifchen?
Die Dirndl-Schleife ist ein versteckter Code, der aber eigentlich gar kein Code ist. Denn jeder männliche Oktoberfestgänger sieht so auf den ersten Blick, welche Madln er ansprechen kann und von welchem Flirt man besser die Finger lässt. Ist die Schleife an der Vorderseite rechts gebunden, ist die Dame darunter vergeben. Ursprünglich bedeutete das: verheiratet. Doch es hat sich durchgesetzt, dass sich auch Verlobte und sonst Liierte auf diese Weise vor den Mannsbildern schützen. ‚Schleife links‘ heißt: noch zu haben. Diese Frauen sind flirtwillig und freuen sich über Komplimente. Ist die Schleife an der Schürze vorne mittig festgebunden, will das Madl ihre Jungfräulichkeit hervorheben, eine Schleife auf der Rückseite bedeutet, dass die Frau verwitwet ist – es sei denn, es handelt sich um eine Kellnerin.

 

 

 

Wie schimpft man?
Wer nicht sofort als Tourist auffallen will, sollte die Sprache der Bayern beherrschen. Dass es „Servus“ und nicht „Tschüss“ heißt, ist hinlänglich bekannt. Wer sein Gegenüber gar nicht versteht, kann mit einem „Ja mei“ Zeit gewinnen und hat damit zumindest ein typisch bayrisches Statement abgegeben. Richtig Bayrisch sprechen heißt aber vor allem: Bayrisch granteln können. Ein „damischer Hund“ ist  nichts anderes als ein „dummer Hund“, eine „Ratschkathl“ eine Frau, die zu viel erzählt. Einem „Noagerlzuzla“ wird vorgeworfen, stehen gelassene Gläser auszutrinken und ein „Schmarrnbeppi“ erzählt einfach zu viel Unsinn. Die „oide Scheißhausfliagn“ spricht wohl ebenso für sich wie der „Zipfelklatscher“. Wer diese klassischen Flüche beherrscht, minimiert die Gefahr, als „Saupreiß“ gebrandmarkt zu werden.

mle