Neuste Ausgabe

Europas Kultur – zweimal gespiegelt

Kategorie(n): Kultur//Reisen

Zwei Nachbarn gleich hinter Deutschlands Grenzen, zwei Städte mit Industrie-Vergangenheit und Brauerei-Tradition: Mons in Belgien und Pilsen in Tschechien starten in diesem Monat ihre offiziellen Programme als ‚Kulturhauptstadt Europas 2015‘. Industrie und Bier verbinden beide – aber die Festkonzepte unterscheiden sich.
Mons, 65 Kilometer südlich von Brüssel in der Französisch sprechenden Wallonie: In der Nachbarschaft war der Steinkohlebergbau zu Hause, und die Spuren sind dort noch sichtbar. Mons selbst war Stadt der Tuchmacher, immer Veranstaltungszentrum und Universitätsstadt. Hier lebte aber auch Vincent van Gogh, hierher kam er als Hilfsprediger. Hier wandelte er sich zum Maler, von hier aus zog es ihn später nach Frankreich. Und seine Hinterlassenschaft – 70 Bilder, Zeichnungen und Originalbriefe – bleibt vor allem im Museum der Schönen Künste ein Dreh- und Angelpunkt des kulturellen Lebens in Mons, natürlich ganz zentral auch im Kulturhauptstadtjahr.

Insgesamt 20 große Ausstellungen stehen auf dem Programm, fünf neue Museen werden eröffnet. Ein tragendes zeitgenössisches Kunstprojekt des Kulturhauptstadtjahres wird ab 24. Januar im Internet vorgestellt. Es heißt ‚Street reView‘ und ist parodistisch angelehnt an die Straßen-Foto-Aktivitäten von Google. Die französische Künstlergruppe xTNT hat die Aktion inszeniert: Hier stellen sich rund 400 der insgesamt 90 000 Bürger von Mons selbst vor, und Straßensituationen wurden von einer Autokamera auf besonders ’schräge‘ Weise festgehalten: Da taucht ein Hirsch aus Nebelschwaden auf, Schönheitsköniginnen paradieren durch die Stadt, und die Rue Verte, die ‚grüne Straße‘, erlebt im Video den Auftritt von Männern in Anzügen, die mit Gras bedeckt sind.

Wie immer im französischen Sprachraum gehört zu einer Kulturhauptstadt wesentlich auch die Kultur des Essens und Trinkens. Beispielsweise lohnt sich der Versuch mit dem berühmten belgischen Abteibier im ‚La Maison des Brasseurs‘, im Haus der Brauer an der Grand-Place. Ein kupferner Brauerkessel fungiert hier als Theke. Und wenn ‚richtig‘ diniert werden soll, warten zahlreiche lohnende Etablissements, beispielsweise das ‚Villaine Fille Mauvais Garcon‘ in der Rue des Nimy: ein Bürgerhaus aus dem 19. Jahrhundert, das heute innovative französische Saison-Küche bietet.

Lebensart auf Französisch auch im benachbarten Tournai, das einst als erste Hauptstadt des Frankenreichs fungierte. Da heißt die Kathedrale Notre Dame, und in deren Inneren findet sich das berühmte Rubens-Gemälde ‚Das Fegefeuer‘. Gleich nebenan im ‚Plaisir d’essence‘ wartet junge französische Küche mit südländischen und asiatischen Einflüssen – ein Erlebnis.Und weil das Bier wie die Sprache des großen Nachbarn zur Wallonie gehört, wird auch ein Besuch der Brauerei Saint Feuillien vor den Toren von Mons dringend angeraten: Das Abteibier dieses Hauses wurde mit vielen Preisen gewürdigt. Ein Teil der Produktion wird sogar in Champagner-flaschen abgefüllt.

Kulturelles Gold
Das böhmische Pilsen, mit knapp 170.000 Einwohnern viertgrößte Stadt in Tsche-chien, wuchs mit der Industrie – Skoda zum Beispiel – und der Brauereitradition.
Skoda blüht erneut und das Pilsner Urquell ist und bleibt eine Weltmarke. Die Stadt aber nutzt die Chance des Kulturhauptstadtjahres, um das eigene Bild zu erweitern – Pilsen als Ort von Kunst, Kultur und Kreativität.

‚Open up‘ heißt das Motto, ‚Öffnet euch‘. Schwerpunkte sind das industrielle Erbe, der Barock und Landart. Kreative vor allem aus der Hauptstadt Prag, geführt von Petr Forman, geben den Ton an. Der Sohn des berühmten Regisseurs Milos Forman will „mit leicht zugänglichen Angeboten auf hohem Niveau“ begeistern. Dazu gehören wechselnde Gastspiele von Zirkus-Unternehmen, die mit Akrobaten, aber ohne Tiere auskommen, ein Sommer mit Barockmusik, ein Riesenkarussell aus Paris auf dem zentralen Platz, der monumentale Auftritt riesiger Figuren der Compagnie Royale de Luxe aus Nantes.

Ein besonderes Programm spielt mit der Sprachhochzeit von Tschechisch und Deutsch, die hier Tscheutsch genannt wird. Und beiderseits der nahen Grenze begleitet ein deutsch-tschechisches Gemeinschaftsprogramm das Kulturhauptstadt-Jahr. Regensburg ist dabei Deutscher Partner von Pilsen. Ein Dachprojekt heißt ‚Treffpunkte/Kulturorte 2015‘. Hier bieten Schauplätze in der Region Gelegenheit, Künstler und ihre Projekte kennenzulernen.

Das zweite Dachprojekt heißt ‚Musikbrücke 2015‘ und bietet Musikprojekte, in denen vor allem auch örtliche Schulen und Gruppen auftreten, jeweils miteinander und beiderseits der Grenze.

Peter Lamprecht