Neuste Ausgabe

Wilde Barbarei // März 2015

Kategorie(n): Kolumne

kelzenberg

Heute beginnen wir mal mit einer Denksportaufgabe. Schließen Sie Ihre Augen und rufen sich nacheinander folgende Gesichter ins Gedächtnis: Tom Selleck (alias Magnum), Horst Lichter, Bud Spencer und Kaiser Wilhelm. Na, klingelt’s nicht? Dann noch als Nachschlag, damit das Thema definiert ist, sozusagen als Zugabe: Henning Krautmacher (da simmer dabei …), Heiner Brand, Stefan Raab und von mir aus noch den Weihnachtsmann.

Jetzt hammer’s aber! Was vereint all diese Charaktere? Richtig – ein Bart. Ob Schnurr-, Kinn- ober Vollbackenbart, Haare im Gesicht sind derzeit wieder ein Topthema. Laut aktuellen Statistiken der 5-fach Klingenbranche tragen 64 Prozent der Männer einen Bart. Und das hat weniger mit Faulheit oder Bequemlichkeit zu tun – nein, es ist derzeit wieder mega in – sogar beim Eurovision Song Contest …!

Galt in den 80ern eine glatt rasierte Gesichtshaut noch als Statussymbol des gepflegten Mannes, trägt der Herr von heute wieder ‚Matte‘ am Kinn. Achten Sie mal bei der Fernsehwerbung auf den Anteil der männlichen ‚modernen Konsumenten‘, die keinen Bart tragen. Liegt das etwa an Schauspielern oder Fußballern, die sozusagen als Trendsetter solche Tendenzen vorleben? Bei der jüngsten Tattoo-Welle schien es ja so gewesen zu sein. Böse Zungen behaupteten sogar, als Partnerin von David Beckham brauche man keine Zeitung zu abonnieren … Mit verwegener Gesichtsbehaarung kann jedenfalls auch der spießigste Büroheini schon von Weitem den unbezähmbaren Harley-Typen vorgaukeln und ganz nebenbei seine spätpubertäre Akne verbergen.

Ein türkischer Freund meines Sohnes erklärte mir, der Hype sei international und habe beispielsweise am Bosporus seinen Ursprung in der Historie der osmanischen Kultur. In dem epochalen Fernsehepos ‚Muhteşem Yüzyil‘ (Das prächtige Jahrhundert), eine Serie über das Leben von Sultan Süleyman dem Prächtigen, tragen alle männlichen Darsteller ausgeprägte Vollbärte und erinnern getreu dem Motto ‚Back to the roots‘ an die Kultur ihrer Vorfahren. Galt eine üppige Barttracht doch in alten Zeiten als Statussymbol und suggerierte Stärke, Weisheit, Macht und Ansehen. Andersherum waren üppige Frauen in schlechten Zeiten ein Garant fürs Durchkommen und boten Sicherheit für die Nachkommenschaft – vergleichen Sie hierzu Rita, Tosca oder Carmen.

Ich selbst habe mich bis vor Kurzem auch täglich nass rasiert. Bei einem Zeitraum von über 30 Jahren Nassrasur – von der Kinderkommunion bis nach dem Bund hatte ich einen elektrischen Rasierapparat – mit täglichem Zeitaufwand von circa 3 Minuten wären dies laut Adam Riese 32.850 Minuten beziehungsweise 547 Stunden oder über 22 Tage gewesen, die ich dem Kampf der Stoppeln gewidmet hätte. Andererseits frage ich mich, wie mir bei 15 Zentimetern Haarwuchs im Jahr ein 4,50 Meter langer Bart stünde.

Neulich war ich mit meiner Frau in Düsseldorf in einem neu errichteten, sehr modernen Bekleidungshaus. Wir wurden von einem äußerst freundlichen, adrett gekleideten jungen Mann bedient, der aussah, als hätte er sich eine Tafel Zartbitter-Schokolade ans Kinn getackert – stand ihm aber wirklich gut. Man könnte sich auch im Sommer die Matte ins Gesicht legen, so als UV-Schutz, oder als Frühstücksbrettchen, oder einfach so als Serviette …

Ich bleibe vorerst beim Dreitagebart. Wenn ich dann irgendwann auch mal gräuliche Haare bekommen sollte, kann ich ja immer noch auf den George Clooney Bart umsteigen.

 

Mit haarigen Grüßen
Ihr Gregor Kelzenberg