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Come in and find out

Kategorie(n): Kultur//Reisen

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Ich glaube, es ist mal wieder Zeit, sich über Anglizismen oder ähnliche Kuckuckseier im deutschen Sprachgebrauch zu unterhalten. Wer sich mit offenen Augen (und Ohren!) durch unsere mit Werbebotschaften überflutete Konsumwelt bewegt, stößt auf immer neue Wortschöpfungen der Marketing-Verführer, der ‚Wir-wollen-doch-nur-Euer-Bestes Fraktion‘.

Wo früher ‚Friseur Salon‘ stand, leuchtet heute in matten Lettern ‚Hair Lounge‘. Eine Bank als Ruhezone im Supermarkt wird zur ‚Chill Area‘, Bereiche mit optimierter Mobilfunkverbindung werden als ‚Hot Spot‘ deklariert. Eine besonders ausgefeilte, wenn auch schon in die Jahre gekommene Sprachschöpfung, ist das OUTLET. Was ehemals unter dem Namen ‚Resterampe‘ oder ‚Knall auf Fall‘ mit Vorjahresmodellen, Überproduktionen oder Tassen ohne Henkel angelockt hat, wird neuzeitlich unter der Zaubervokabel Outlet verhökert.

Manchmal habe ich wirklich den Eindruck, die Konsumenten sind tatsächlich so blöd, auf diese Bauerntricks reinzufallen. Willst Du als Händler etwas loswerden, brauchst Du nur ein großes Schild mit ‚Outlet‘ über die Tür zu hängen und die Leute kaufen den Laden leer – man braucht nicht mal die Preise zu ändern! Outlet = Schnäppchen = billig.

Auch ins Vokabular der Immobilienbranche schleichen sich Begriffe ein, die die Wertigkeit einer verfallenen Industriebrache allein durch phonetische Wortanhängsel zum Kultobjekt emporheben. Eine runtergekommene KFZ-Halle mit Altöl verseuchtem Grundstück und Asbest-getäfeltem Dach wird durch fantasievolle Wortkreationen zum ‚Vintage Car Karree‘, einem unvergleichlichen Zeitzeugen vergangener Industriekultur mit Loft Charakter und dem einzigartigen Charme vergangener Zeiten – na dann … Wenn an einem Froschtümpel mit fünf alten Bäumen auf dem vielversprechenden Bauschild der Titel ‚Residenz am Park‘ steht, lockt dies doch ein deutlich zahlungskräftigeres Klientel an, als ein laminiertes DIN-A3-Blatt mit der Kurzinfo 3 Zi./Kü/D/Bad.

Ab drei Torbögen zum begrünten Innenhof sucht man sich irgendeinen Berühmten, der hier mal vorbeigekommen sein soll, und nennt sich hochtrabend ‚Heinrich Heine Arkaden‘. Das bringt Profit!
Das grenzt ab! Man muss es nur positiv darstellen: Ein Haus mit vielen Treppen wird zum ‚Split Level Living‘.

Ein weiterer Themenkreis widmet sich der Vorsilbe ‚E‘ (wie elektrisch) vor diversen Erfindungen. Neulich war ich in einem großen Fahrradgeschäft und fragte den Verkäufer nach einem Rundgang, ob man denn auch normale Fahrräder im Sortiment habe. Bislang hatte ich nur E-Bikes gesehen. Die E-Zigarette ist meines Erachtens schon wieder auf dem Rückzug und das E-Book kämpft gegen das analoge bedruckte Papier. Vielleicht gibt’s ja bald die E-Krawatte. Mittels am Handy angeschlossenem Beamer projiziert man die in der ‚Tie App‘ geladene Krawatte passend zum Outfit auf den Oberkörper (Free Version – in der Upgrade-Version kann man auch das Hemd nebst Stronzläppchen dazu auswählen). Nur nicht bewegen, sonst wirkt es unecht!

Noch schnell ein Wort zum (Un-) Wort des Jahres: Wenn ‚läuft bei Dir‘ (ist wenigstens deutsch) es nicht schaffen sollte, wüsste ich nicht, wie ich mich zwischen ‚Willkommenskultur‘ und ‚Selfiestange‘ entscheiden würde.

Ihr Gregor Kelzenberg