Neuste Ausgabe

You get what you pay for // Juni 2016

Kategorie(n): Kolumne, Kultur//Reisen

Neulich war es wieder so weit: Unter dem Einfluss eines nicht enden wollenden Winterblues und einem außerordentlichen Sonnendefizit konnte ich meine Frau von einem Kurzurlaub in der Sonne überzeugen (ging auch ganz schnell). In kürzester Zeit war das Internet durchforstet und dank ausgeklügelter Suchmaschine ein Billigflug für 85 Euro (na ja) von Weeze nach Porto gebucht  

Scheint denn da im Mai überhaupt die Sonne?! Einen kurzen, unentschlossenen Moment schwebte der Finger über der Storno-Taste, doch dann hieß es: Von nun an gibt es kein Zurück. Sie ahnen sicher schon, welches Thema mich inspiriert hat, diesen Artikel zu schreiben. Richtig: Billigflieger und artverwandte Anbieter von Leihwagen sowie Unterkünften. Man könnte glatt denken, dass es, je länger man sucht, umso billiger werde. Man muss nur rechtzeitig aufhören zu suchen, sonst bekommt man am Ende noch Geld raus …

Wer ab Weeze fliegt, kommt in den Genuss (oder Verdruss), sich den raffinierten Machenschaften von Ryanair hinzugeben. Allein der Buchungsvorgang am Computer ist ein mit Falltüren gespickter Hindernislauf, der dem gewieften Schnäppchenjäger allerhöchste Aufmerksamkeit abverlangt. Allzu schnell wird einem eine fragwürdige Versicherung aufgezwungen, ein britisches 3-Gänge-Menü während des Fluges aufgeschwatzt oder eine Miles-and-more-pay-back-all-you-can-fly-flat-rate-around-the-world aufgenötigt.
Vergessen Sie ja nicht, das Gepäck separat zu buchen und versäumen Sie keinesfalls, Ihr Handgepäck daheim zu vermessen. Am Check-in Schalter warten die Airline-Geier nur darauf, Ihnen irgendwelche Zusatzkosten abzuknöpfen. Sie können ja gleich einen gekoppelten Kreditkarten-/Handyvertrag abschließen und sichern sich einen 5-Prozent-Sonderbonus, direkt verrechenbar beim nächsten Nachtflug nach Riga beziehungsweise Zadar – jedoch nicht an Wochentagen, die auf ‚g‘ enden.

Jetzt glauben Sie nicht, dass wenn man einen kostenpflichtigen Fensterplatz bucht – so wie ich für meine Frau – man auch am Fenster sitzt. Sie haben ja die Gelegenheit, durch das Fenster des Vorder- oder Hintermanns zu blicken. Ein beheizbarer Swimmingpool heißt auch noch lange nicht, dass dieser auch beheizt ist …
Ich wollte mich bei einem nach billigem Herrenduft riechenden Stewart mit Sidecut, Asipeitsche und Fake-Rolex am Handgelenk beschweren, wurde jedoch von meiner Frau sediert. Zum Glück sind die Cockpittüren von innen verriegelbar – ich hätte mich gerne mit dem Busfahrer mit der Pilotenbrille da vorne unterhalten.
Nachdem man während des Fluges von überdurchschnittlich durchschnittlich aussehendem Personal in schlecht sitzender Arbeitskleidung (alte Bettlaken, gelb-blau mit stoffbezogenen Knöpfen) zum Kauf von Rubbellosen und Klingeltönen gelangweilt wird, vergehen die zweieinhalb Stunden wie im Flug.
Wie auch sonst?

Unser Schnäppchenleihwagen wartete etwas außerhalb des Flughafengeländes auf seine Abholung (nur die renommierten Firmen sind im Terminal untergebracht – siehe Überschrift) und wir testeten die Leichtgängigkeit der 5 Zentimeter Doppel-Lenkrollen unserer Schnäppchenkoffer. Klare Defizite auf Schotter und losem Sand! Die Kalkulation eines Leihwagenvermieters, der einen ordentlichen, relativ neuen 5-Türer für 100 Euro pro Woche vermietet, werde und will ich nicht verstehen. Für 14 Euro fährt mich gerade mal ein Taxi von Rheydt-Pongs zum Marienplatz.

In der untergehenden Abendsonne erreichten wir wohlgelaunt unser übers Schnäppchenportal gebuchtes Grand Hotel im Gewirr der Altstadtgassen und während ich das Gepäck entlud, suchte meine Frau schon den (oder die) Haken. Wir kamen, wie schon öfters, recht bald zu der Erkenntnis, dass es sich immer auszahlt, für die Erstellung von Bildern für die Internet-Seite einen guten Fotografen zu engagieren, der es versteht, die Eyecatcher des Hauses in Szene zu setzen, ob mit oder ohne Photo-shop. Die hochflorigen Spannteppichböden bereiteten meinen Kofferrollen ähnliche Schwierigkeiten wie das historische Granitpflaster der Altstadtgassen, doch der Ausblick aus unserer You-get-what-you-pay-for-Zelle ließ alle Anstrengungen vergessen: Zwei Drittel des Fensters in den Hinterhof wurden von einem verzinkten Abluftschacht der unter uns befindlichen Hotelküche verdeckt, das andere Drittel nahm die Leiter eines Außengerüstes zur Fassadenrenovierung ein. Na und! Dafür gab es schließlich den wohlschmeckenden Vino Verde und wenn ich abends in Zimmer komme, ist’s eh dunkel. Ab circa 6 Uhr liefen die Entlüftungsventilatoren der Küche und beflügelten mich, die Stadt bei einem Rundgang zu erkunden. Einfach toll …Probleme eines Schnäppchenurlaubs

Wir hatten eine Menge Spaß und werden es immer wieder tun. Nur buchen Sie niemals Sitzplatz 11 A bei Ryanair.

You get less than you pay for.

Ihr Gregor Kelzenberg