Neuste Ausgabe

Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte … // Juli/August 2016

Kategorie(n): Kolumne

In einer sich stetig ändernden Gesellschaft mit einer rasenden Entwicklung der Kommunikations-
gewohnheiten kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir auf dem besten Wege sind, unsere Schrift – und damit auch das Wort – abzuschaffen. Damit meine ich nicht den generellen Verzicht auf Austausch von Informationen, sondern die reduzierte Art der Mittel und des Stils. In einer Phase mit einem ständig steigenden Anteil an ‚Kommunikationssoziopathen‘ benötigen wir eine Kommunikations-
kultur, die einer unaufhörlichen Pflege ihrer Nutzer bedarf.

Hier ein Einblick in die Realität:
Wenn ich während meiner Abizeit nach der sechsten Stunde Bio-Leistungskurs am Fahrradkeller meine Freunde nach gemeinsamen Interessen für das bevorstehende Wochenende gefragt habe, mag das in etwa so geklungen haben: „Leute, wie wär’s mit Kino, oder soll’n wir bei schönem Wetter im Stadtwald grillen? Wer will und kann um 18 Uhr am Marienplatz.“ Im WhatsApp-Chat von heute lautet die initiierende Frage des Gruppenadministrators an circa 50 Empfänger so: „was geht am we od läm chillen am monte “. Auf die Verwendung von Interpunktion, Groß- oder Kleinschrift wird generell verzichtet – kostet nur Zeit und Speicherplatz – ebenso auf jegliche Anstandsfloskeln einer zivilisierten Gesellschaft.

Die Antworten trudeln, begleitet von personenbezogenen Klingeltönen und Vibrationen, im Minutentakt in der Chatgruppe ein. Eine verbindliche Zusage mit unverfehlbaren Zeit- und Ortsangaben macht jedoch niemand. Man antwortet mit Häkchen, roten, gelben oder orangefarbenen Ampelsymbolen und circa 50 verschiedenen möglichen Smileys, die den entsprechenden Gemütszustand zum Ausdruck bringen sollen.

Ganz Verwegene nutzen eine Voicemail, in der sie Lügengeschichten ins Mikrofon stottern im Sinne von: „Ich muss erst meine Eltern zum Flughafen bringen“, oder „wir ziehen uns die letzte Staffel von House of Cards rein und kommen nach“. Erst dann folgt eine Flut von Telefonaten und Voicemails hinsichtlich der Location, wo man sich zum Vorglühen trifft, wer den Eltern ’ne Flasche Wein abgreifen und Muttis Cabrio ausleihen kann („… wir müssen uns dringend zum Lernen treffen, nächste Woche ist LK Klausur…“). Danach folgen die zweite und dritte Anrufwelle, die den Dresscode thematisieren („Kann ich Dein rotes Top haben“) oder den aktuellen Beziehungsstatus abklopfen („Wenn die L. meint, die könnte wieder mit dem C. rummachen, dann sag ich der G. mal, dass der C. auch schon mal was mit der T. hatte“ usw., usw.).

Bevor man sich dann letztendlich in einer Shisha Lounge zum Abhängen trifft, haben unzählige Akkus durch Dauernutzung eine Härteprobe meistern müssen. Es wurden schließlich auch etliche Megapixel an Frisuren, Schuhen und Schminkvorschlägen ins Netz gestellt, bevor am Ende die Frage nach der richtigen Unterarmtasche – umgangssprachlich ‚Clutch‘ genannt – ausdiskutiert wurde.

Die Reduktion der Sprache findet sich aber auch in allen Bereichen des Alltags. ‚Sie fahren 45‘ soll mein schlechtes Gewissen ansprechen. Ich schätze selbsterklärende Piktogramme, die völkerübergreifend jedem mitteilen, wo es langgeht. Ein von links nach rechts startendes Flugzeug = Abflug. Das gleiche Flugzeug mit gesenkter Nase und ausgefahrenem Fahrwerk = Ankunft. Passt. Doch setzen Sie sich mal in einen gut ausgestatteten Mittelklasse-Wagen mit vielen Extras. Sie blättern unentwegt im Handbuch, um die vielen Symbole auf den verschiedenen Knöpfen zu hinterfragen.

Ich bin ja oft und gerne in den benachbarten Niederlanden unterwegs. Neben den Symbolen für Fiets (Fahrrad) und Brumm-Fiets (Mofa) gefällt mir immer das gelbe Warnschild an den Elektrozäunen von Pferdekoppeln: „Pas op! Schrikdraad“. Dieses Schild steht dort nicht für die Pferde, es soll vielmehr den Wildpinkler davon abhalten, hier seine Notdurft zu verrichten. Ich wäre gespannt, wie wohl ein Piktogramm für den ‚be- oder getroffenen‘ Wildpinkler aussähe.

Ihr Gregor Kelzenberg