Neulich bin ich mit meiner jüngsten Tochter für eine Woche zum Skilaufen nach Österreich gefahren. Wir freuten uns auf sportliche Wintervergnügen, geselligen Après-Ski und wollten vor allem dem Karneval entfliehen. Doch leider waren wir nicht die einzigen, die diese Idee hatten. Schon auf den ersten Kilometern bis zum Autobahnkreuz Jackerath hatte ich trotz der frühen Abfahrtzeit – 5 Uhr morgens – zwei Dutzend Autos mit gelbem Kennzeichen und mittig auf dem Fahrzeug montierter Dachbox überholt. Die alte Weisheit meines Vaters bezüglich einer reibungslosen Autofahrt in den Wintersport lautete immer: „Du musst bis Mittag an München vorbei sein – sonst haste keine Chance.“
Meine Gretchenfrage bis zum Kerpener Kreuz lautete: linksrheinisch oder rechtsrheinisch? Wegen der vielen fliegenden Holländer entschied ich mich für die rechtsrheinische Variante via A3 über Frankfurt, Würzburg, Nürnberg und so weiter. Ich hatte einfach Bedenken, ohne Dachbox im Großraum Stuttgart im Stau zu sehr aufzufallen. Ob diese Entscheidung richtig oder falsch war, kann ich im Nachhinein nicht beurteilen. Jedenfalls stieg die Dachboxendichte der ‚Vakantie-Volvos‘ mit gelben Kennzeichen Richtung Spessart trotz sechsspurigen Ausbaus mit jedem Kilometer.
Ab Höhe Würzburg hatte meine Jüngste ihren Schlafbedarf gedeckt und wir machten uns gemeinsam Gedanken über die kollektive Landflucht eines Staates gen Süden. Vielleicht gab es ja einen Aufruf bei Radio Hilversum: „Achtung, Achtung … Bitte verlassen Sie sofort das Land – gehen Sie nicht über Los – und vergessen Sie nicht, die Dachbox zu montieren …“ Man weiß es nicht.
Sie kennen sicher das Verkehrszeichen 268 der StVO mit Schneekettenreifen auf blauem Grund. Ein ähnliches Schild muss an diesem Wochenende an den Grenzübergängen in Venlo und Nijmegen gestanden haben: „Weiterfahrt ab hier nur mit Dachbox“.
Ab Nürnberg ist die A8 bis München fast durchgängig achtspurig ausgebaut (vielleicht daher der Name?) und wir hatten in etlichen Staus viel Zeit, darüber nachzudenken, was unsere lustigen Nachbarn denn wohl in ihren externen Dachaufbauten mit sich führten – zumal ein großer Anteil nur zu zweit unterwegs war! Aufwendige Ski-Outfits oder exklusive Abendgarderoben zum Après-Ski waren es nicht, das zeigten unsere ausgiebigen Recherchen in Saalbach-Hinterglemm.
Es waren wohl auch keine Fritteusen, Wochenvorräte an Frikandellen oder Bitterballen mit Garnitur. Nach unkomplizierter Kontaktaufnahme bei einem Pilsken und/oder landestypischem Obstbrand konnten wir uns schließlich überzeugen: Es wurden im großen Stile exportiert: gute Laune; ausgelassene Lebensfreude gepaart mit zügelloser Kontaktfreudigkeit und eine maßlose Freude am Singen, Tanzen und Hopsen. Schon kurz nach Vier vertiefte ich meine Recherchen mit einem auf den Tischen tanzenden Grüppchen ehemaliger Tulpenköniginnen aus ’s-Hertogenbosch. Fundierter Kenntnisse der niederländischen Sprache bedurfte es nicht, denn der Text von beispielsweise „Komm hol das Lasso raus“ wurde untermalt von international identifizierbarem Körperausdruckstanz. Einen Insidertipp für den ultimativen holländischen Après-Ski steckte mir ein Schleusenwärter aus Papendrecht am nächsten Tag in der Gondel. Ich habe jetzt schon für die nächste Saison einen Stehplatz auf dem Tisch reserviert.
Und schon nach wenigen Liedern freut man sich auf das nächste Jahr, wenn man sich kurz hinter Ingolstadt wieder im Stau begegnet und weiß, wofür man diese Strapazen auf sich nimmt. Nur fürs Skilaufen allein würd‘ sich der Aufwand nicht lohnen … Außerdem hab ich auch noch nie einen Holländer in den Dünen beim Langlauf gesehen.
Tot ziens!
 
Ihr Gregor Kelzenberg