Neuste Ausgabe

Niemals geht man so ganz // Oktober 2017

Kategorie(n): Kultur//Reisen

Bald heißt es Abschied nehmen. Abschied nehmen von einem oft besuchten Ort, einem zwar hässlichen blauen Zweckbau, aber einer nicht wegzudenkenden Institution, die mich und sicherlich viele von Ihnen ein Stück des Lebens begleitet hat. Wie oft bin ich mit meiner Frau
samstagmorgens hingefahren und mit umgeklappter Rückbank nach Hause gekommen? Das Auto vollgestopft mit folierten und bleischweren Kartons mit Einlegeböden, Seitenwänden und Schubkastenteilen sowie vielen kleinen Beuteln voller Schrauben, Dübeln und dem berühmten Inbus Schlüssel (davon müsste ich circa 100 Stück haben). Außerdem waren da noch die zu montierenden Hochbetten, diverse Wickelkommoden und natürlich die geliebten Billy Regale.

Fürs tapfere Durchhalten in der Stoff-, Deko- und Bettwäsche-Abteilung gab es als Belohnung – oder verborgene Vorauszahlung für die nervenzermürbenden Aufbauanleitungen – in der Zone hinter den Kassen ein Softeis oder den schwedischen Hotdog im Gummibrötchen. Eigentlich haben ja nur die Röstzwiebeln und die gelbe Sauce geschmeckt. Hauptsache man hatte hinterher Sodbrennen und Flecken auf dem T-Shirt! Irgendeine kindsgroße Topfpflanze fand auch noch Platz auf dem zweiten (!) Wagen (den für die Kleinteile zog meine Frau, den für das ‚Sperrgut‘ ich…), schließlich hatte unser Fiat Panda ja ein Schiebedach.

Noch einmal ungehemmt die kleinen Naturholz Bleistifte abgreifen, ohne Angst zu haben, von einem gelben Hemd angesprochen zu werden: „Sie haben sich doch schon ein Dutzend davon in die Taschen gesteckt!“ (Die Strafe folgte in der Regel ein paar Tage später, wenn man schwungvoll in die Anoraktasche griff und sich so ein Ding ins Nagelbett rammte.)

Noch einmal in der völlig überlaufenen Kantine zwei Portionen Köttbullar bestellen, obwohl man gar keinen Hunger hat. Es geht eben nur ums Sparen. Ein Glas Schweden Cola bestellen, vier Gläser trinken. Mein Gott, war mir auf dem Heimweg zwischen dem Garderobenständer Igby und den Ivar-Regalen immer schlecht – aber gespart!

Sich noch einmal in der Kleinteile Abteilung vor den Kassen zwischen Bilderrahmen und Teelichten über alleinerziehende Waldorfmütter in selbst genähten, naturfarbenen Pumphosen ärgern, die beim Abarbeiten ihrer Einkaufslisten den Wagen grundsätzlich quer stehen lassen, während sie ihren Fynn-Malte nach dem 5. Aufruf aus dem Bälleparadies abholen („… letzter Aufruf, ansonsten wird das Kind zur Adoption freigegeben …“).

Ich erinnere mich noch an die Eröffnung in Kaarst, als man nachts für circa 10 Mark ein Gästebett kaufen konnte und dies nach der Übernachtung im Möbelhaus nach dem Frühstück – ebenfalls in den 10 Mark enthalten – mit nach Hause nehmen konnte. Ach ja …

Jedes Mal mal hab ich mir geschworen: nie wieder! Doch der Laden hat mich nie losgelassen. Ich wäre gerne mal bei einer Billy-Aufbau-Challenge dabei gewesen. Unter die ersten Zehn hätt‘ ich es bestimmt geschafft. Mal ganz ehrlich, die meisten Sachen waren preiswert, praktisch und zeitlos – sie tun ihren Dienst nach über
30 Jahren immer noch in unseren Haushalten, die der Kinder eingerechnet. Nach so langer Zeit kannte ich wohl alle Abkürzungen: Von der Lampenabteilung rüber zu den Küchen (spart locker 8 Minuten und die langweiligen Wäscheregale). Oder mit dem Aufzug vor der Kantine runter, 20 Meter zurück und 2-mal links, schon ist man den Kassen um 20 Wagenlängen nähergekommen und spart wertvolle Minuten, in denen die Tragegriffe der gelben, zentnerschweren Plastiktaschen nicht in die Finger schneiden.

Ob ich in Athen, Dubai oder Lissabon an dieser blauen Fassade mit den vier großen, gelben Buchstaben vorbeikomme, drinnen gibt´s immer das Gleiche. Nur der grinsende Klugscheißer auf den internationalen Beipackzetteln ist nie mein Freund geworden. Es mag wahrscheinlich daran liegen, dass er am Ende doch immer Recht behalten hat und ich der Dumme war. Selber schuld, wenn man der Meinung ist, die Aufbauanleitung lesen nur Loser.

Hoffentlich wird es im Neubau ähnliche Erinnerungen geben, die ich dann als Käpt’n Blaubär im gemütlichen Sessel Ektorp meinen Enkelkindern erzählen kann: „In Kaarst da gab es vor langer, langer Zeit mal ein Möbelhaus, das war soooooo groß, dass man sich darin verlaufen konnte …“

Man sieht sich im Neubau, bis dahin alles Gute!

Ihr Gregor Kelzenberg