Neuste Ausgabe

Ran an den Speck

Kategorie(n): Kolumne

So wie in den Wochen vor Ostern die Legehennen im Akkord Eier legen mussten, steigt im gleichen Verhältnis der Bedarf an Bratwürstchen, Nackenkoteletts und Bauchspeck zu Beginn der Grillsaison. Man könnte glatt meinen, Ende August seien alle Schweine in Deutschland aufgezehrt bzw. auf unzähligen Grillrosten zwischen Flensburg und Garmisch verheizt worden.

Weil derzeit auch noch der Verzehr der sonst üblichen Beilagen in Form von frischen Salaten durch das staatlich autorisierte Geschmacksverderber-Robert-Koch-Institut deutlich eingeschränkt ist, darf´s auch ruhig mal ein Lappen Bauchspeck mehr sein (war ja in Olivenöl mariniert – der Gesundheit wegen…). Spätestens, wenn im Bau- oder Pflanzencenter des Vertrauens die Frühjahrs- und Osterdeko eingemottet wird, werden riesige Aktionsflächen mit Grills und Zubehör aufgebaut, über die man sich wundern darf.

Ähnlich der Bootsmesse in Düsseldorf, wo man vom Ruderboot bis zur Luxusyacht für jeden Geldbeutel eine passende Lösung parat hält, ist es mit der Grillabteilung im Gartencenter. Vom dreibeinigen Einsteigermodell für 19,99 € bis zur ­Highend-Outdoorküche für knapp 3000 € ist für jeden Geschmack etwas zu kriegen. Wem das nicht reicht, nimmt die limitierte Johann Lafer Edition (u. a. mit einem Beutelchen Kalaharisalz und 5 ml Mohnöl) und kann sich außerdem im Zubehörregal nach Lust und Laune austoben, bis die Kreditkarte als Grillanzünder dient. Von der beleuchteten Grillzange mit Griffheizung bis zum stufenlos regelbaren Ochsendrehspieß bietet der Fachhandel so ziemlich alles, was man(n) eigentlich nicht braucht.

Merkwürdig ist auch, dass die Bilder in den hochglänzenden Werbeprospekten fast immer am Pool einer großzügigen Finca auf Mallorca oder über den Klippen von St. Tropez aufgenommen wurden, was dem Käufer vielleicht dieses mediterrane Ambiente als Zusatzeffekt vermitteln soll. Es gibt Grillstationen mit einer Kapazität, die größer ist als der gesamte Freundeskreis samt Eltern. Aber wofür gibt’s Facebook, wenn noch zwei Etageren auf dem Grill frei sind…?
Selten gibt es eine Disziplin, die in allen Bevölkerungsschichten gleichermaßen Begeisterung auslöst. Der alte ‚5 Mark Grill‘ von der Tankstelle kostet mittlerweile ja auch schon 7,99 €. Und wem das noch zu teuer ist, der wählt die nicht ganz legitime Studentenlösung, wo man sich in ´ner alten Autofelge auf dem flachgelegten Einkaufswagen die Wiesenhof-Bruzzler zubereitet – so gesehen letzte Woche im Stadtwald.

Doch von der Hardware nun zur Software – egal, ob Sie sich für den ‚Pocket Einweggrill‘ in der Größe eines DIN A4 Blattes oder das BBQ Summit Center (2 Zi.-Küche-Diele-Bad mit begehbarer Smokerslounge) entschieden haben, letztendlich ist doch entscheidend, was drauf kommt! Aus billigen Discounterkoteletts in optisch gepimpter Würzmarinade kann kein noch so guter Grill ein Rib-Eye-Steak zaubern. Wenn Sie im lodernden Flammenmeer die verschrumpelten Bauchfleisch-Scheiben nicht mehr erkennen können, schmecken diese gleich schlecht, egal ob sie über  Gas oder altem Europalettenholz hingerichtet wurden. In den wöchentlichen Zeitungsbeilagen prangen auf den Titelseiten derzeit allgegenwärtig unverkennbar die Fleischofferten, dicht gefolgt vom Kasten Bier und für die Damen das Fläschchen Prosecco. In Zeiten von EHEC, Schweinepest, Rinderwahn, Pangasiuslügen und Co. ist man schon sehr verunsichert, was in den Einkaufswagen darf und was nicht. Bald betreten wir die Lebensmittelabteilung vielleicht in Schutzkleidung. Es gilt auch hier nach wie vor das alte englische Sprichwort: ‚You get, what you pay for.‘

Wem jetzt der Appetit auf Gegrilltes vergangen ist, empfehle ich, sich das klassische Rezept für Stockbrot von ‚chefkoch.de‘ auszudrucken und sich mit Freunden am Lagerfeuer zu versammeln. Im Übrigen ist für ein gemütliches Zusammensein am Grill die Auslese der geladenen Gäste noch wichtiger als die Auswahl der Zutaten. Außerdem gibt es ja auch noch den Griechen, den Türken, den Chinesen, den Argentinier und schließlich den Gastrotipp meines Kollegen Jean Jacques.
In diesem Sinne – guten Appetit!

Ihr Gregor Kelzenberg