Die Welt neu denken

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Die Welt neu denken

Die Bauhaus-Idee wird 100 Jahre – und sogar die New York Times schaut hin.

Die größte Suchmaschine führt ihre Internet-Kundschaft aus der ‚Generation Google‘ erst einmal in die Irre. Wer dort nach ‚Bauhaus‘ sucht, wird zunächst zur großen Heimwerker-Kette gleichen Namens geleitet. Das kulturell größere Schwergewicht folgt erst danach: das ‚Staatliche Bauhaus‘, das vor 100 Jahren als Hochschule in Weimar gegründet, in Dessau etabliert und dann in Berlin abrupt beendet wurde. Die Hochschule, getragen von Künstlern, Architekten und Designern, gilt bis heute als ‚Mutter der Moderne‘, sogar weltweit. Unübertroffen musterhafte Wohnsiedlungen und Alltagsgerätschaften, Stühle, Tische und Gemälde, sogar neue Küchenformen und Industriebauten sind unter dem prägenden Einfluss der Modernisierer entstanden.

Das Bauhaus beendete nach dem Ersten Weltkrieg stilprägend die Prunk- und Protz-Ära der wilhelminischen Jahre. Gerade, schnörkellos und von der Nutzung her gedacht sind die Objekte. Dahinter steht ein grundlegend neues Bild vom Menschen und seiner Welt. Das Bauhaus-Jubiläum 2019 gehört deshalb zu den zugkräftigsten Attraktionen, denen Deutschland laut Reiseführer ‚Lonely Planet‘ nun sogar Platz zwei der weltweit gefragtesten Reiseziele verdankt. Zwar feiern wir 2019 zugleich 100 Jahre Weimarer Verfassung und 100 Jahre Frauenwahlrecht – aber die Attraktionen des Bauhaus-Jubiläums schlagen alles. Thematische Reisen quer durch Deutschland und weit darüber hinaus sind angesagt, nicht zuletzt nun auch für Leser der New York Times. Nordrhein-Westfalen übrigens ist beachtlich am großen Ereignis beteiligt.

Alles begann 1919, als der Architekt Walter Gropius das ‚Staatliche Bauhaus‘ in Weimar gründete. Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky und Ludwig Mies van der Rohe sind weitere prägende Namen der Bauhaus-Zeit. 1925 folgte der Umzug nach Dessau. 1932 wechselte die Institution als private Universität in die Hauptstadt Berlin –
und wurde 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen. Viele Urheber der neuen Ideen emigrierten in alle Welt – und das Jubiläum 2019 beweist, welche Kraft die Moderne aus den Zwanziger Jahren bis heute entfaltet. ‚Die Welt neu denken‘ – so lautet das Motto. Reisen Sie an einige der wichtigen Schauplätze, zu beispielhaften Höhepunkten.

Berlin

Das Eröffnungsfestival fand Ende Januar in der Berliner Akademie der Künste statt. Vom 15. März bis 10. Juni lockt das Berliner Haus der Kulturen der Welt nun mit dem internationalen Ausstellungs- und Forschungsprojekt ‚Bauhaus in aller Welt‘. Hier wird zusammengefasst, was bereits 2018 in den USA oder Marokko, Indien, China, Russland, Nigeria oder Brasilien erarbeitet worden ist. ‚Original Bauhaus‘ ist der Titel der Jubiläumsausstellung des Berliner Bauhaus-Archivs – ab 6. September in der Berlinischen Galerie.

 

Weimar

Pünktlich zum Jubiläum wird am 5. April das neue Bauhaus-
Museum Weimar eröffnet. Am 6. April beginnt hier die Jubiläumsausstellung der Klassik-Stiftung Weimar. Hier können Sie einen Blick auf die Sammlung von 13.000 Werkstattarbeiten, die 1925 mit 160 Exemplaren begonnen hat, werfen. Das Gemälde ‚Der Wasserpark‘ von Paul Klee gehört ebenso dazu wie die Bauhaus-Teekanne von Marianne Brandt oder der Lattenstuhl von Marcel Breuer.

Dessau

Als einer der Höhepunkte des Jubiläumsjahres ist die Eröffnung des neuen Bauhaus-Museums in Dessau am 8. September konzipiert. Sein Ruf ist bereits bis in die USA vorgedrungen. Erstmals sind hier die 40.000 Exponate der Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau präsentiert – darunter Möbel, Textilien, Tapeten ebenso wie Architekturbeispiele.

Die drei Bauhaus-Zentren Weimar, Dessau und Berlin widmen sich im Jubiläumsjahr der bereits 2013 begründeten gemeinsamen Initiative ‚Triennale der Moderne‘. Das sind diesmal drei Wochenenden zum Thema Architektur – vom 26. bis 29. September in Weimar, vom 4. bis zum 6. Oktober in Dessau und nur eine Woche später vom 11. bis 13. Oktober in Berlin. Zu den dort diskutierten Beispielen gehört die berühmte Weiße Stadt, die einst als Teil von Tel Aviv durch Bauhaus-Architekten im Exil entworfen wurde. Schirmherr der Triennale ist in diesem Jahr Israels Botschafter Jeremy Issacharoff.

Grand Tour der Moderne

Quer durch Deutschland führt im Jubiläumsjahr eine ‚Grand Tour der Moderne‘: An 100 ausgewählten Orten sind dabei Beispiele für prägende Hinterlassenschaften der Bauhaus-Epoche zu besichtigen. Darunter die Weissenhof-Siedlung in Stuttgart ebenso wie die Schwarzwaldhalle Karlsruhe, der für sein Schalendach berühmte ‚Teepott‘ am Strand von Warnemünde ebenso wie das Essener UNESCO-Welterbe ‚Zollverein‘.

Mehrere Bundesländer ergänzen das Programm durch eigene Beiträge. So auch Nordrhein-Westfalen, das auf besondere Verbindungen zu den Bauhaus-Gründern verweisen kann. Der berühmte Mäzen Karl Ernst Osthaus aus Hagen etwa war einer der wichtigsten Förderer, auf die sich Bauhaus-Gründer Gropius verlassen konnte. Krefeld ist stolz auf Haus Lange und Haus Esters sowie Industriegebäude wie die Färberei der Verseidag als Beispiele wichtiger Bauhaus-Architektur. Das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster zeigt bis zum 10. März die Ausstellung ‚Bauhaus und Amerika‘; Duisburgs Lehmbruck-Museum präsentiert ‚Neue Impulse in Oskar Schlemmers Malerei 1930‘. Weitere Ausstellungen und Veranstaltungen sind in Essen, Düsseldorf,  Oberhausen und Krefeld geplant.

Möglich, dass am Ende dieses Jubiläumsjahres mehr Google-
Nutzer als zuvor wissen, was der Name Bauhaus für die Kultur unserer Zeit bedeutet – sogar ohne erst die Suchmaschine im Netz befragen zu müssen.

Peter Lamprecht

www.bauhaus100.de

2019-01-31T10:27:14+00:0031. Januar 2019|