Neuste Ausgabe

Der Sommer, der ein Herbst war

Kategorie(n): Kolumne

Wann wird’s mal wieder richtig Sommer? Ja, der Kachelmann, der hätt´s gewusst. Aber den fragt ja jetzt keiner mehr. Wahrscheinlich hören wir nochmal von ihm im Stern 3/2027 in der Rubrik auf der letzten Seite ‚Was macht eigentlich…?‘. Unter dem einleitenden Satz „…der sympathische Meteorologe, dessen Gesicht öfter im Fernsehen zu sehen war als das von Günther Jauch, der 2010 angeblich mit einem Küchenmesser in der Hand einer angeblichen Geliebten sexuelle Handlungen abverlangt hat…“, wird dann nochmal an ihn erinnert.

Da müssen wir jetzt Vorlieb nehmen mit Sven Plöger. Der quatscht auch viel und grinst dabei, weil er der wahrscheinlich best-bezahlte Wahrsager Deutschlands ist. Hätte ich dessen Handynummer, könnte er mich wenigstens abholen, wenn mir bei der vorausgesagten lockeren Quellbewölkung der Regen bis unters Tretlager reicht.

Ja ja, dieser Sommer. Musste uns damals in den 70ern ausgerechnet ein Holländer darauf hinweisen, dass der Klimawandel mit El Niño als Maskottchen überall stattfindet, außer in Deutschland? Und dabei hatten wir uns doch sooo gefreut. Nach dem mediterranen April-Auftakt extra neue Flip Flops gekauft, die Fußnägel geschnitten und die Muscleshirts gebügelt. Und dann: Kino statt Kokos, Dampfbad statt Freibad und Glühwein statt Sangria. Hauptsache, man hatte sich im Vorfeld schon mal ausreichend mit Sommerliteratur eingedeckt. Was Unterhaltsames für den Liegestuhl oder den Chillout-Sitzsack. Nur nix Anspruchsvolles, nix zum Nachdenken und/oder zum Schlauer-Werden.

Meine Beobachtungen in hiesigen Buchhandlungen zu Beginn der Ferien sind diesbezüglich sehr aufschlussreich. Nach welchen Kriterien suchen sich die Leute eigentlich ihre Urlaubsbücher aus? Nach den Bestsellerlisten, nach Empfehlungen im Freundeskreis, oder einfach nach der strategisch besten Platzierung auf der Verkaufsinsel mit der extrabreiten Edding-Überschrift: „Damit´s kein langweiliger Urlaub wird“. Die äußere Aufmachung scheint auch eine außerordentliche Rolle zu spielen, oder haben Sie schon mal jemanden freiwillig ein gelbes Reclam Heftchen kaufen sehen?

Für mich als Ganz-Jahres-Leser ist es immer erstaunlich zu sehen, dass pünktlich zur Sommerzeit, etliche dümmliche Comedy-Bücher auf den Markt geschwemmt werden, bei denen es nicht auffallen würde, wenn man mittendrin fünf Seiten rausreißen oder nach Kapitel vier bei Kapitel sieben weiterlesen würde. Nach vier Sangria und drei Gin Tonic braucht so ein Buch kein Lesezeichen.

Nicht, dass Sie meinen, ich fänd ‚Resturlaub‘ oder ‚Hummeldumm‘ übel – ich konnte auch bei ‚Tante Inge haut ab‘ durchaus herzhaft lachen. Aber darf es auch mal was Anspruchsvolles sein?! Wir sollten die ernst zu nehmende Literatur nicht nur der Schule überlassen und danach als Dachbodenfund bei eBay verhökern. Wer in einer normal sortierten Buchhandlung nach Hesse oder Hemingway fragt, wird von der Verkäuferin angesehen wie Dieter Kronzucker, der nach einem vierteiligen Puzzle fragt.  Es muss ja nicht gleich Theodor Fontane mit in die blaue Lagune – die deutsche Literatur bietet ausreichend Unterhaltsames auf deutlich höherem Niveau als z. B. Bestseller wie Hape Kerkelings Reise-Lügen-Literatur vom Pseudo-Pilgern.Das Genre des Kriminalromans, das früher Agatha Christie oder Kommissar Brunetti vorbehalten war, dehnt sich mit rasender Geschwindigkeit seuchenähnlich aus. Ob Eifelkrimi, Stieg Larssons Schwedenthriller oder Allgäuer Deppenermittler Kluftinger – in jeder Region treibt irgendein gut aussehender Pathologe sein Unwesen, covert es in beileidskartenähnlichem Umschlag, und fertig ist der Bestsellerkrimi.

Der berühmte Erfolgsautor des Romans ‚Plump, Plump, Plump, der Plumpsack geht herum‘ kommt zur Buchmesse mit seinem neuen Werk auf den Markt ‚Fischer, Fischer, welche Fahne weht heute?‘ Wir dürfen gespannt sein… Es sind noch Karten für eine Lesung im Literatur Café zu haben – ein Termin, den man nicht verpassen sollte.   Ihr Gregor Kelzenberg