Neuste Ausgabe

Früher war mehr Lametta …

Kategorie(n): Kolumne

Zu welchem Thema kann ich denn in dieser Ausgabe meine Gedanken schweifen lassen? Jetzt, so kurz nach dem Urlaub, ist der Kopf voll von Eindrücken und Erlebtem, das es wert wäre, karikiert zu werden. Vor kurzem verstarb Loriot, vor dem ich mich zutiefst verbeuge – ein Großmeister in dieser Disziplin. Mit einem außerordentlichen Spürsinn für alltägliche Begebenheiten gelang es Loriot wie keinem anderen, uns den Spiegel vorzuhalten und mit ein wenig Übertreibung und gekonntem schauspielerischen Talent uns selbst vorzuführen. Der deutsche Humor wäre ohne Loriots Sketche wie der moderne Jazz ohne Miles Davis, wie Fußball ohne Beckenbauer oder wie Reiten ohne Pferd.

In meiner postpubertären Jugend hatten die Eltern einer Freundin als einzige mir bekannte Menschen einen VHS-Videorekorder, auf dem wir die Loriot Aufzeichnungen unzählige Male angesehen haben, ohne auch nur ansatzweise Langeweile zu empfinden. Wir konnten fast alle Dialoge auswendig und waren infiziert von Erwin Lindemann, Dickie Hoppenstedt, dem Kosakenzipfel, und ein jeder von uns verfügte über ein Jodeldiplom. Klar gab es auch andere Filme, die uns zum Lachen brachten. Ob Luis de Funès oder Otto Waalkes – keiner hatte es so drauf wie Vicco von Bülow. Wollen wir einen Vergleich wagen mit der heutigen Comedy-Szene? Lieber nicht! Sonst könnte sich ja auch Duisburg Meiderich zum Wettbewerb ‘Schönstes Dorf Deutschlands‘ anmelden.

Doch konkret zu einem aktuellen Urlaubserlebnis, betrachtet mit den Augen Loriots: Auf einem fünfstündigen Flug nach Düsseldorf bleibt Sitz D links neben mir bis kurz vor Boarding-Ende frei. Neben mir, auf F, sitzt meine Frau, Fensterplatz (sie hatte Geburtstag – kleine Aufmerksamkeit von mir). In letzter Minute betritt ein wie Sattelleder gebräunter Holländer als letzter Passagier die Maschine und nimmt den freien Platz neben mir ein. Urplötzlich erfüllt den Raum ein süßlicher Duft von Moschus – ich schließe die Augen und meine, auf der Gästetoilette von Elton John eingesperrt zu sein.

Nach dem Verstauen einer weißen, schäferhundgroßen Louis Vuitton Tasche mit ordentlich Kettengeklimper (der Typ sieht von weitem aus wie ein Christbaum bei Douglas), nimmt der Moschustänzer neben mir Platz und bemerkt meine unmissverständliche Geste bezüglich seines Anteiles an der Armlehne zwischen Sitz D und E (= 0%). Ab jetzt stelle ich um auf Zwerchfellatmung und denke nur noch an Loriots Zitat: „Der Mensch ist als einziges Säugetier in der Lage, auch in 10.000 m Höhe eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen.“
Jetzt stellen Sie sich den Kerl zu meiner Linken vor: Auf einem DIN A 4 großen Klapptablett stehen schon ein Fläschchen Prosecco und ein Tomatensaft (… mit eeen beeetje Peper a.u.b.*) – und er versucht, ein heißes Alupäckchen mit Käse-Schinken-Tagliatelle zu öffnen. Vorher hat er sich mit dem eingeschweißten Plastikbesteck schon fast das Gesicht verstümmelt. In der Bildzeitung hätte gestanden: „…nl. Tourist tötet sich mit Dunimesser in Reihe 14 D – dt. Sitznachbar (14 E) schaut teilnahmslos zu.“

Das nenn ich Bord-Entertainment! Fünf Stunden können lang sein, und meine Sinne waren geschärft. Landete doch schon mal auf einem Langstreckenflug nach dem Start in Amsterdam, kurz nach dem Überfliegen Englands, der Inhalt eines Orangensaftbechers in meinem Schoß. Bis zur Landung in Amerika war alles soweit getrocknet. Dieser Flug hätte Loriot ausreichend Stoff für einen Mehrteiler geboten.

Kurz vor der Landung wurde meine Frau wach (Fensterplatz – hat sich ja gelohnt!) und fragte mich ganz freundlich: „Na Schatz – war was?“ Für den Flug hatte ich jedenfalls genug Lametta.

Übrigens: Nach der Landung hat 14 D derart frenetisch geklatscht, als hätte er den Krawatten-Nachlass von Rock Hudson gewonnen.

Ihr Gregor Kelzenberg

*a. u. b. = als het u belieft:
Entspricht der niederländischen Höflichkeitsformel, die zur Unterstreichung einer Bitte dient.