Neuste Ausgabe

‚Tach Herr Dingenskirchen…‘

Kategorie(n): Kolumne

Haben Sie eigentlich ein Gesicht zu Max Mustermann und seiner Frau Lies-chen, geborene Müller? Wieso heißt der eigentlich so und nicht Benno Beispiel? Wohnen die wirklich in der Mustergasse in Musterstadt?

Fragen über Fragen, die keiner so richtig beantworten kann. Am Ende wohnen die sogar in Ihrer Nachbarschaft und leben unscheinbar mitten unter uns – als Otto-normalverbraucher in ihrer schmucken, fast abbezahlten Doppelhaushälfte am Stadtrand. Sie fahren freitags nachmittags nach dem Rasenmähen gemeinsam bei Aldi einkaufen, bevor er abends zum Schützenstammtisch geht und sie noch eine Backmischung für die Stillgruppe vorbereitet.

Die beiden haben nämlich seit Kurzem ein Kind! Hassenichtgesehen heißt der Kleine und wurde in Dingenskirchen im Schnick-und-Schnack Krankenhaus um 10 vor näcke Batz geboren. Die Mittelmäßigkeit lebt mitten unter uns, ohne dass wir davon bewusst Kenntnis nehmen. Ich dachte immer, die Vergesslichkeit – zum Beispiel für das Namensgedächtnis – stellt sich erst im fortschreitenden Alter ein. Schon öfter begegneten mir Menschen, deren Vor- und Zunamen mir entfallen waren und sie deshalb nur mit „Sportsfreund“ oder einem trivialen „Hallöchen“ begrüßt wurden. Hat man mir nicht beigebracht, dass der Name eines Menschen dessen höchstes Gut darstellt? Wer sind denn die Leute, deren höchstes Gut bei mir spontan nicht abrufbar zu sein scheint? Meist langweilige, nichtssagende, oberflächliche, monotone und fade Zeitgenossen, für die im englischen Sprachgebrauch der Begriff `No-name´ verwendet wird. Damit bin ich doch raus aus der Nummer, oder?!

Schlimm finde ich es dann, wenn mir der Name auch nach stundenlangem Grübeln partout nicht einfallen will. Irgendwo hab ich die friedhofsblonde Labertante mit der Nerdbrille und ihrem magentaroten Mantel, der aussieht wie eine selbstgetackerte Stuhlhusse, schon mal gesehen und ihren Namen bereits im Moment der Vorstellung vergessen. Vielleicht ist es ja ein unterbewusster Selbsterhaltungstrieb, der im Laufe der Evolution den Menschen Unwichtiges vergessen lässt, um wertvollen Speicherplatz im Gehirn – quasi als Ressource – zu schonen.

 

„Harry Holland in den
Niederlanden, Pepe Perez in Spanien“

 

Herr DingenskirchenGewissermaßen wie ein Rudiment beim Mann: was nicht gebraucht wird, fliegt raus bzw. verkümmert. Wer braucht schon große Eckzähne zum Fleischreißen, ein Steißbein als Schweifüberbleibsel oder eine übermäßige Körperbehaarung? Obwohl, bei letzterem bin ich mir nicht so sicher – in der Sauna treff ich doch den ein oder anderen King Kong, von dem ich aus der Ferne betrachtet dachte, er hätte ein schwarzes T-Shirt an…

In anderen Ländern gibt es aber auch Max Mustermänner. In Holland heißen sie zum Beispiel Max van Mustermann, in Schweden Max Mustersson, in Polen Max Mustersky und in der Türkei Müx Müystermüynn.

Klar, Sie haben es gemerkt: das war natürlich Quatsch. Dennoch, unsere Nachbarländer haben wirklich auch lustige Namensplatzhalter: Harry Holland in den Niederlanden, Pepe Perez in Spanien, Kalle Svensson in Schweden oder Jan Kowalsky bei den Polen. Nur im anglo-amerikanischen Sprachraum heißt unser Freund ganz anders: dort ist es der John Doe.

Wer seinen Nachkommen schon vor deren selbstständigem Handeln einen unverkennbaren, absolut individuellen und bestimmt kaum vergessbaren Stempel aufprägen möchte, nennt seine Tochter z. B. Emilia-Sidonie oder Silvana-Sarafina und den Jungen von mir aus Jean-Pascal. Damit sind die lieben Kleinen, obwohl sie noch nichts verbrochen haben, upgegraded in den Namensolymp der Unverkennbaren. Sie sind die Stars in der Spielgruppe, bei der Einschulung, am Tag der Bundesjugendspiele oder bei Ikea, wenn eine lieblich säuselnde Stimme aus den Deckenlautsprechern freundlich, aber dennoch bestimmend verkündet: „…der kleine Ben-Joshua möchte aus dem Kinderparadies abgeholt werden.“

Ja – warum denn??? Weil dem armen Teufel ein Namensschild angeheftet und er in der Bällchengrube das Opfer der schon-­lesen-könnenden Rabauken Max und Peter wurde, die die Faszination des Paintball für sich entdeckt hatten.

Die herbeigeeilte Mutter sieht diesen Zwischenfall durchaus positiv, hatte sie doch gerade eine Namens-Eingebung fürs nächste Kind. Wie hieß doch gleich die Küchenleuchte in Gang 16, Klippan oder Ivar? Ob Junge oder Mädchen ist dann bei so einem Namen auch egal, oder?!
Ihr Gregor Kelzenberg