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Wettstreit der Wortakrobaten

Kategorie(n): Kultur//Reisen

Hamburg hat sie inspiriert. Bei einer Städtetour haben Christiane Kreft (26) und Hannah Seidler (22) ihren ersten Singer-Songwriter-Slam erlebt. „Das“, dachten die beiden Studentinnen der Kulturpädagogik, „könnte auch etwas für Mönchengladbach sein.“ Der Ort für den Wettstreit war schnell gefunden: Hannah Seidler engagiert sich im Kulturzentrum BIS. Der freie Kulturverein ist immer auf der Suche nach neuen und ungewöhnlichen Kulturangeboten.

„Den ersten Singer-Songwriter-Slam haben wir ganz blauäugig organisiert“, erinnert sich Christiane Kreft, „und uns überlegt, ob wir vielleicht 25 Stühle aufstellen.“ Doch den Wettstreit von sechs Freizeit-Komponisten, die ihre selbst geschriebenen Stücke vorstellten, wollten gleich beim ersten Mal 100 Zuhörer live erleben. ‚SlaMG Actiontown‘ war geboren.

Unterstützt wird die Wettstreit-Serie von der Horst Musik- und Kulturförderung, die das sommerliche Horst Festival organisiert. „Nach den vier Slams treten in einem Finale die vier Gewinner gegeneinander an“, erklärt Christiane Kreft. „Der Final-Gewinner darf beim Horst Festival spielen.“ Sechs Musiker treten bei jedem Wettbewerb auf. Die Anmeldungen werden nach Eingangsfolge akzeptiert. „Die Resonanz ist relativ groß“, findet die Slam-Chefin. „Allerdings melden sich die meisten erst kurz vor der Veranstaltung an.“

Dass der Wettstreit für Komponisten so gut in Gladbach ankommt, dürfte kein Zufall sein. Für die Wettbewerbe von Wortakrobaten ist der Boden in der Stadt sehr gut bereitet. Bereits 2001 fand der erste Poetry Slam im Projekt 42 an der Waldhausener Straße statt. Seitdem ist der Club das Mutterschiff der Poesie in der Stadt.

Die Idee hatte DJ R, der im Alltag Reiner Fritsche heißt, aus Düsseldorf nach Gladbach importiert. In Markim Pause fand er den idealen Moderator und Organisator, der zusammen mit Pamela Granderath drei Jahre durch die Show der Poeten führte. „Es war nicht so einfach wie in Düsseldorf, den Slam in Mönchengladbach zu etablieren“, erinnert sich Markim Pause. „Die ersten Jahre waren so steinig wie die Waldhausener Straße.“

Intensive Aufbauarbeit und Durchhaltevermögen waren gefragt. 2005 stieg Pamela Granderath aus und Marco Jonas Jahn ein. Seitdem führen Markim Pause und Jahn mit viel Witz und Ironie durch die Show, die immer nach dem gleichen Muster abläuft: Einer der Moderatoren präsentiert einen seiner Texte, um das Publikum etwas aufzulockern. Danach treten sechs bis acht Poeten auf und lesen. Für fünf Minuten gehört die Bühne ihnen.

„Das ist immer eine Wundertüte“, findet Markim Pause. Denn die Themen sind nicht vorgegeben. Liebesgedichte, kurze Geschichten aus dem Alltag, melancholische Texte, Satire, Politisches, Skurriles: Alles ist erlaubt. „Es kommt auf die Mischung an“, sagt der 38-Jährige. Die wird von den Organisatoren durchaus beeinflusst, wenn sie den ein oder anderen Poeten zum Slam einladen. „Mittlerweile hat sich eine Szene etabliert“, stellt Markim Pause fest. „Der Poetry Slam hat sich zu einer Volkskultur entwickelt.“

Durchschnittlich 50 bis 60 Gäste begrüßen Marco Jonas Jahn und Markim Pause jeden Monat beim ‚Poeterey im Projekt 42‘, kurz pip42 genannt. „Der Poet steht direkt vor dem Publikum und erhält die unmittelbare Reaktion“, sagt Jahn (35). Der Erfolg hat Pause und Jahn in Mönchengladbach zu Markennamen für Dichtkunst in Mönchengladbach gemacht. Inzwischen haben beide weitere Veranstaltungen etabliert: Jahn moderiert Poetry Slams in Mühlheim/ Ruhr und Oberhausen, Markim Pause ist einer von vier Gastgebern der Lesebühne ‚Blaue Stunde‘ im Blauen Haus an der Waldhausener Straße.

Garnet Manecke