Neuste Ausgabe

Das Gladbacher Haus ‚3Zi.KB‘

Kategorie(n): Lebensart, Schöner Wohnen

Da saßen wir nun, die Kinder fassungslos, mein Mann und ich an alte Zeiten erinnert, vor einem schwarz/weiß rauschenden Fernsehbildschirm. Er hatte einfach seinen Geist aufgegeben. Schnell entfachte eine Diskussion darüber, mit welchen technischen Raffinessen der Neue ausgestattet sein soll. Mit diesen Details überfordert, klinkte ich mich hier aus und beschloss kurzerhand, meinen Männern alle Entscheidungsfreiheit zu überlassen und mal wieder ins Museum zu gehen. Eine wirklich gute Idee und wesentlich unkomplizierter, dafür interessant und empfehlenswert war dieser Ausflug in das Mönchengladbach von gestern. Zu dem Thema ‚3Zi.KB‘ beschäftigt sich im Museum Schloss Rheydt eine Ausstellung, die Gladbacher Familien und Gladbacher Häusern gewidmet ist und auf 140 Jahre zurückblickt. Einen spannenden Einblick ermöglichte mir die Kuratorin, Eva Uebe.

Frau Uebe, warum beginnen Sie mit der Ausstellung ausgerechnet in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts?
Eva Uebe    Hier begann die Industrialisierung. Zahlreiche Textilbetriebe prägten die Stadt. Die Einwohnerzahl stieg explosionsartig von 3.730 im Jahre 1849 auf 58.023 im Jahre 1900. In dieser Zeit entstanden allerorts neue Wohnhäuser.

Mietkasernen, die in diese Zeit gehören oder die typischen Hinterhofbauten, wie man sie zum Beispiel aus Berlin kennt, sucht man hier vergeblich?
Eva Uebe    Ja. 1869 begann die Gladbacher Aktiengesellschaft, die von Gladbacher Kaufleuten gegründet wurde, im Geiste eines Sozialkatholizismus Siedlungen für die zugewanderten Arbeiterfamilien zu erbauen. Ziel war es, diesen Familien eine anständige Bleibe zu bieten, bürgerliche Wohn- und Wertvorstellungen zu vermitteln und sie vor sozialistischen ‚Umtrieben‘ zu schützen. So entstand das Erfolgsmodell ‚Gladbacher Haus‘. Der Grundgedanke war: eine Familie – ein Haus. Anfänglich gemietet konnten die Bewohner später diese Häuser zu günstigen Konditionen kaufen.
Allerdings war die Arbeiterfamilie von unserem heutigen Wohnkomfort weit entfernt. Das typische Gladbacher Haus war ein Doppelhaus mit zwei unbeheizbaren Schlafkammern im Obergeschoss, zwei Stuben, Küche und Stall. Es gab einen Keller und einen Garten zur Selbstversorgung mit Gemüse und Obst. Hier lebten sieben bis neun Personen auf 70 m².

Und wie das aussah, kann man auf den vielen eindrucksvollen Fotos sehen.
Eva Uebe    …von denen uns die Mönchengladbacher Bevölkerung über 100 zur Verfügung gestellt hat. Auch diese, einem gutbürgerlichen Haushalt detailgetreu nachgebaute Puppenstube sowie verschiedene Einrichtungsgegenstände einer Fabrikantenvilla sind Leihgaben aus privatem Besitz.

Das ist doch ein Blick in die Regentenstraße, was hat es damit auf sich?
Eva Uebe    Hier finden Sie ein ebenfalls für Mönchengladbach typisches Haus. Gemeint ist das Rheinische Dreifensterhaus, in Reihe gebaut und häufig mit einer dem Geschmack der Zeit repräsentationswillig reich verzierten Fassade. Typisch sind die zwei Fenster neben der Haustür im Erdgeschoss und drei Fenster in einer Reihe in den oberen Stockwerken. Dort lebte das mittlere bis gehobene Bürgertum.

Sie zeigen in Ihrer Ausstellung nachvollziehbar und eindrucksvoll den Alltag der Menschen bis in die Gegenwart.
Eva Uebe  Wir möchten gerade auch jungen Besuchern diesen Entwicklungsprozess vermitteln. Hier erfahren sie Stadtgeschichte hautnah, erleben Familiengeschichten, sind sie betroffen. Unsere älteren Besucher tauchen noch mal in ihre Vergangenheit ein, Emotionen leben auf. Dass wir wirklich jeden ansprechen, konnten wir schon bei der Vorbereitung feststellen. Wir haben ganz bewusst Schulprojekte mit in die Ausstellung einfließen lassen und konnten die Freude der Kinder und Jugendlichen miterleben.

Mehr sollten wir jetzt aber nicht verraten. Nur eins noch: Der neue Fernseher, mit dem modernen Schnickischnacki ist wirklich klasse und derweil schläft der Milchreis im Federbett – auch daran erinnert die liebevoll gestaltete Ausstellung  ‚3Zi.KB‘, die Sie noch bis zum 10. Juni 2012 im Museum Schloss Rheydt besuchen können.

 

 

 

 

Ihre
Katrin Hoppen
kh@urbano-magazin.de