Neuste Ausgabe

GRIECHISCHER WEIN

Kategorie(n): Kolumne

Ich liege am Strand auf meinem dunkelblauen, herdplatten-heißen Handtuch mit mediterranem Muschelaufdruck und versuche, mich vom monotonen Rauschen der Brandung ablenken zu lassen. Zwischen meinen Zehen und Zähnen knirscht feinster Sand, auf meiner Haut bildet sich Fleur de Sel. Zu meiner Linken und Rechten spielen Jugendliche mit ausgelassener Freude Strandtennis mit hölzernen Bratpfannen und der Gewissheit, dass diese Sportart niemals ins olympische Programm aufgenommen wird.

Plopp – Plopp – Plopp – Plopp …, schon die Geräuschkulisse verlangt den Einsatz von Medikamenten, deren Beipackzettel zu lesen 48 Stunden erfordern würde. Jetzt startet ein Touri circa 50 Meter vor mir grölend einen Jetski, um damit vier kreischende 15-Jährige mit Ringen an exponierten Körperregionen auf einem knallbunten Donut hinter sich herzuziehen. Mein ‚Entspannungsbarometer‘ steht auf der Skala von 1 bis 10 bei 8,7. Ich hasse Sand zwischen den Zähnen, ich hasse plärrende Urlauber am Strand, wenn ich lesen möchte und vor allem hasse ich es, wenn mir innerhalb von 30 Minuten zweimal Beachfußball spielende Nachwuchstalente den Ball gegen die Rübe schießen. Außerdem ging eben ein junges Mädchen vorbei und verteilte Flyer für die Top-Disco mit ultimative Schaumparty am Abend – nur nicht an mich! „Nein, ich trage den Ehering nur, damit sich in der S-Bahn keine Supermodels an mich kuscheln… Wär ich doch schon in unserem Hotel, wo unter den Strohdächern an der Poolbar ein gepflegter Gin Tonic gereicht wird, wo frische Badetücher nach Lenor duften und nach der Süßwasserdusche das klimatisierte Zimmer wartet.

Gerade, als sich wieder ein mit ätzender Sonnencreme versetzter Schweißtropfen in meine Augenwinkel brennt, dreht sich mein Schatz um und meint: „Ach, herrlich hier, erst 16 Uhr, lass uns noch zwei, drei Stunden bleiben …“ Zeigerausschlag über 9,0!

Als Freund des mediterranen Lebensraumes habe ich mich mit meiner Frau auch in diesem Jahr für einen Urlaub in Griechenland entschieden. Wichtig ist, nie alles zu glauben, was im Fernsehen erzählt oder in den Zeitungen geschrieben wird. Wir werden freundlichst behandelt und mit liebevoller Gastlichkeit empfangen. Zwar hatten in meinen Augen die Vorfahren unserer Insel (wir waren auf beziehungsweise in Kreta) eine deutlich anspruchsvollere Architektur, aber in weiß getünchten Schuhkartons zu wohnen, ist schon ok, wenn sie denn über eine Klimaanlage verfügen. Gutes und preiswertes Essen in gemütlichen Tavernen, idyllische Buchten und dazu eine kulturelle Vielfalt neben zahlreichen antiken Sehenswürdigkeiten und herzliche Menschen tragen generell zu einer entspannten Atmosphäre bei. Bei einer Rundreise, deren Erwartungshaltung entscheidend durch die (meist bearbeiteten) Bilder im Katalog und der Vorinformation im Internet geprägt war, kann man die ein oder andere Misslichkeit in einer Unterkunft auch verschmerzen.

Wir ertappen uns oft beim Schönreden einer spontan gebuchten Bleibe, die sich auszeichnet durch: a) miserable Aussicht auf ein Dieselkraftwerk, b) ein Bad in der Größe eines Katzenklos und c) Handtücher mit einem Flausch, der zum Anschleifen einer Pergola reichen würde. „Schöner Spiegel im Flur und schau mal hier, ein Stuhl zum Sitzen. Außerdem verkauft die Wirtin Honig und Raki für kleines Geld, alles aus eigenem Garten.“ Was solls – zum Strand ist es nicht weit und der Leihwagen will auch bewegt werden.

Die circa 40 gelesenen Speisekarten unterscheiden sich jeweils nur durch die Namen der Tavernen und die mit Tipp-Ex und Kuli dutzendfach überschriebenen Menü-Preise. Wo bekommt man schon für 18 € einen großen Salat, zwei schmackhafte Lammoder Fischgerichte, einen Liter Wein, Ouzos, frisches Obst und zum Abschluss noch mal Raki?

Wenn dann abends vor der Taverne der warme Wind um die Beine streicht, aus den verrosteten Deckenlautsprechern oder gar live die Lyra erklingt und freundliche Menschen mit lächelnden Gesichtern nach unserem Wohlergehen fragen, komme ich mir vor wie Udo Jürgens, als er 1974 das Lied ‚Griechischer Wein‘ sang – oder gar wie Georg Danzer mit seinem unvergessenen Song ‚Griechenland‘.

Der Zeiger meines Entspannungsbarometers ist derweil bei nullkommahassenichjesehn.

Kalinichta!

Ihr

Gregor Kelzenberg