Neuste Ausgabe

Die Architektur des Fetisch

Kategorie(n): Kultur//Reisen

Die Architektur des FetischHin und wieder begegnet Matthias Wallmeier den gängigen Vorurteilen: „Schmuddelei! Pornografie!“, ruft es dann hinter den Stirnen der skeptischen Gesichter seines Gegenübers. Und immer wieder taucht die Frage auf: „Hat das was mit Sado-Maso zu tun?“  Dann weiß der Künstler, dass er in den angefragten Räumen nicht ausstellen wird oder ihm der Ort als Kulisse für seine Fotos verwehrt bleibt. Seine Themen „Burlesque und Fetisch“ regen die Phantasie bei allen Menschen an. Und manchmal sind die Bilder in den Köpfen allzu konträr zu den Bildern, die Matthias Wallmeier macht.

„Aber erstaunlich oft sind die Menschen offen, hören mir zu und lassen sich auch Arbeiten zeigen“, erzählt der Fotograf, der seine Models in erotischen Anzügen und Wäsche aus Latex in den Hallen des Flughafens Weeze genauso in Szene setzt wie in den luxuriösen Räumen des Mönchengladbacher Hotels Palace St. George. Denn immer wieder inspiriert ihn die Umgebung für eine Fotostrecke. „In der Fliesenabteilung eines Baustoffhandels zum Beispiel gibt es wundervolle Hintergründe“, sagt Matthias Wallmeier, der im Hauptberuf Architekt ist.

Den Blick des Architekten merkt man auch seinen Bildern an. Streng durchkomponiert, klare Linien, auf das Wesentliche konzentriert. Hier spiegelt sich der Eindruck wider, den man im Gespräch mit dem 45-jährigen Wallmeier gewinnt. Der Mann spricht überlegt und ruhig, setzt seine Worte genau. Mit dieser Konzentration geht er auch an seine Arbeiten heran, für die er seine Models ganz gezielt auswählt. Die findet er  über Modelkarteien im Internet. Nur selten werden Models aus seinem Bekanntenkreis rekrutiert. „Anfangs war es schwer, geeignete Models zu finden“, erinnert er sich. „Aber mittlerweile werde ich von Models angesprochen.“

„Matthias ist einer der wenigen Männer, die Frauen immer erst ins Gesicht sehen“, sagt seine Frau Andrea Heinzelmann über ihn. „Ich weiß immer, was sie anhaben, er kann mir nachher immer deren Augenfarbe sagen.“ Denn die Gesichter sind für den Fotografen  sehr wichtig, auch dann, wenn sie auf einigen seiner Fotos hinter Masken versteckt sind. „Mit Mainstream-Gesichtern kann ich überhaupt nichts anfangen“, sagt Wallmeier. Models aus eingängigen Fernseh-Castingshows sind ihm zu stereotyp.  Er bevorzugt für seine Arbeiten Frauen, die stark tätowiert sind, ihren Körper mit Piercings schmücken, stolz eine Glatze tragen oder eine üppige weibliche Figur haben. Auch wenn er weiß, dass das manchmal die Gemüter der Zuschauer erhitzt –  wie jüngst bei dem Model, das er mit Krücken ablichtete. „Aber Kunst lebt ja auch davon, Aufmerksamkeit zu erregen“, findet der Künstler.

Dabei gibt der Architekt Wallmeier dem Künstler Wallmeier die Ästhetik vor. Egal, ob die Frauen mit Maxi-Plateaus auf einem Stuhl drapiert werden, in rosa Latex-Kleid eine Gummipuppe herzhaft in den Schwitzkasten nehmen, sich mit einer Maske unbekannten Mächten stellen oder in silberner Korsage mit weich fließendem Haar lasziv gegen ein Geländer lehnen : Alle Bilder spielen mit der Fantasie des Betrachters. Einige sind dabei witzig, andere bizarr oder verführerisch.

„Das Thema meiner Arbeit an sich ist ja nicht ernst“, findet Wallmeier. „Aber es wird von vielen sehr ernst und verkniffen aufgenommen.“ Dabei geht Wallmeier in seinen Arbeiten durchaus den Weg der Erotik bis an die Grenze der Pornografie. Diese zu überschreiten aber ist nicht sein Anliegen. „Es ist sehr schwer, diesen Grad noch zu halten“, hat der Künstler festgestellt. „Der Betrachter soll den Rest in Gedanken selbst hinzufügen.“  Wenn er für Ausstellungen seine Arbeiten zusammenstellt, ist seine Frau seine erste Beraterin. „Ich brauche ihr Feedback“, sagt er.

Entstanden ist die Leidenschaft für die Fotografie im Urlaub und aus eigener Modelerfahrung. „Wie viele andere habe ich Urlaubsbilder gemacht“, erzählt Wallmeier. Allerdings hatte er schon bald den Ehrgeiz, seinen Bildern das gewisse Etwas zu verleihen. Denn einfache Landschaftsaufnahmen und die Liebste vor Sehenswürdigkeiten waren ihm zu langweilig. Wenn er vor der Kamera posierte, dachte er immer wieder, dass der Job am Auslöser doch viel spannender sei. Auch Hersteller von erotischer Wäsche und Latex-Anzügen haben Wallmeier schon engagiert, um ihre Produkte kunstvoll in Szene zu setzen.
Garnet Manecke